Gipfelfreuden in der Telemark

09.10.2015 | Stand 10.03.2016, 17:50 Uhr

Der Ausblick vom 905 Meter hohen Venelifjellet lohnt für alle Mühen: Neben langgezogenen Seen und Hügelketten sieht man hier auch die komplette vegetative Vielfalt der südnorwegischen Provinz Telemark. − Fotos: Gregor Wolf

Zwischen Oslo und Bergen wurde das moderne Skifahren erfunden, doch eine Reise in die Telemark lohnt nicht nur im Winter. Diese drei Bergtouren lassen Wanderer-Herzen höherschlagen.

Jeder, der im Fernsehen schon einmal beim Skispringen hängen geblieben ist, kennt den Namen der südnorwegischen Provinz, schließlich setzen die besten Weitenjäger im Schnee stets den Telemark. Abgeschaut haben sich die Sportler den Stil von der gleichnamigen alpinen Abfahrtstechnik, die das moderne Skifahren erst ermöglichte. Benannt hat man beides nach ihrer Herkunftsregion, der Telemark. Und wo man im Winter gut Skifahren kann, kann man den Rest des Jahres auch gut wandern, wie unser abwechslungsreiches Touren-Trio beweist. (ZUR FOTOSTRECKE)

1. Venelifjellet (905 Meter)

Die Sonne gibt nochmal alles im Spätherbst. Am Himmel ist kein Wölkchen zu sehen. Bestes Wanderwetter. Am Rand des Weges wuchern allerlei Sorten Beeren. Die Zwischenmahlzeit ist gesichert. Rundherum recken Laub- und Nadelbäume die Kronen in die Höhe. Umso näher der Weg zum Gipfel führt, umso niedriger und lichter wird der Wald, dafür wird der Untergrund felsiger. Fast jede Minute ändert sich das Landschaftsbild.

Die komplette vegetative Vielfalt erleben, genau das ist einer der großen Pluspunkte auf einer Wanderung auf den Venelifjellet. In nicht einmal 300 Höhenmetern wandelt sich die Umgebung vom borealen Forst zur alpinen Gesteinslandschaft. "Ihr habt euch genau die richtige Zeit ausgesucht", schwärmt Wanderführer und Hotelchef Sigmund Straand. "Im Herbst finde ich es hier besonders schön, schon allein wegen all der Farben."

Kurz unterhalb des 905 Meter hohen Berges thront ein klarer Gebirgssee, der Venelitjørni. Im kalten klaren Wasser spiegeln sich die letzten besonders robusten Bäume. "Im Sommer springen zumindest die abgehärteten Kinder kurz hinein", erzählt Straand. Eine kleine Hütte, in der man sogar übernachten kann, und ein schmucker Rastplatz laden aber auch ohne Abkühlung zum Verweilen ein.

Das letzte Stück geht es dann größtenteils über blanken Stein, zwei kurze Felsstufen sind sogar so steil, dass ein Seil zum Festhalten angebracht ist, trotzdem auch für Kinder kein Problem. Oben angekommen entschädigt der Rundumblick jede Mühe. "Die Aussicht ist einfach überragend", stellt der Guide fest. Niemand widerspricht. Bis zum Skagerrak, dem nördlichsten Zipfel der Nordsee, reicht das Auge, im Zwischenraum blinzeln große und kleine Seen durch. Durchbrochen wird das Bild von steilen Tälern, überthront vom Gaustatoppen und der Hochebene Hardangervidda. Ziemlich beeindruckend für einen nicht einmal 1000 Meter hohen Gipfel.

Infos zur Tour: Start nahe Vrådal, 265 Höhenmeter, Mitte Mai bis Ende Oktober begehbar.

2. Falkenuten (1096 Meter)

Norwegische Steppe. Kaum ein Baum erreicht mehr Mannshöhe, trotzdem ist der Boden überwuchert von Sträuchern, Gräsern und glatten Gesteinsplatten. Letztere "haben nepalesische Sherpas fein säuberlich zu einem Weg arrangiert", wie Wanderführer Geir Midtbø schon beim Start im Falkeriset-Areal doziert. Teilweise gibt es zwei Wegäste nebeneinander, nur ganz oben auf dem flachen Stück zum Gipfel ist den asiatischen Bauarbeitern das Material ausgegangen.

Die Gegend ist besonders für ihre Tierwelt bekannt, gilt als Kinderstube der Rentiere aus der Hardangervidda. "Die Tiere kommen im Frühjahr immer, weil hier der Schnee zuerst schmilzt", weiß Midtbø. Auch Vögel gibt es reichlich. "Vom 15. bis hinein ins 18. Jahrhundert lebten hier Falkner aus Holland und Deutschland", berichtet der Guide. Ein bis zwei geglückte Fänge waren genug, um eine Familie das ganze Jahr über zu ernähren. Die Falken wurden bis auf die arabische Halbinsel verkauft.

Überreste der damaligen primitiven Falkner-Steinbehausungen finden sich noch heute knapp unter dem fast 1100 Meter hohen Gipfel, auch wenn nur noch die Grundrisse erkennbar sind. Leichter ist es da schon, den höchsten Punkt zu finden. Zwar thront dort wie in der restlichen Telemark kein Kreuz, ein großer Steinhaufen nebst Gipfelbuch tut es aber auch. Über 10000 Wanderer haben sich schon auf Papier verewigt. Die schier unwirkliche Hochebene fasziniert eben.

Infos zur Tour: Start nahe Rauland, 105 Höhenmeter, Anfang Mai bis Ende Oktober begehbar.

3. Gaustatoppen (1883 Meter)

Steine so weit das Auge reicht. Nicht einmal ein Grashalm kann sich noch durchkämpfen. Nur dank der vielen roten Markierungen bleibt der Weg stets im Blick. Die sanften Hänge wirken wie eine Mondlandschaft. Dass sich die Spitze des Gipfels in dichtem Nebel versteckt, verstärkt diesen Eindruck. Nur beim Blick gen Tal, wo der Wind kräftige Wellen über die Bergseen peitscht, verschwinden die Gedanken an den Erdtrabanten.

"An klaren Tagen kann man vom Gipfel des Gaustatoppen ein Sechstel von Norwegens Landfläche sehen", sagt Karin Rø vom örtlichen Tourismusverband beim Aufstieg. "Heute werden wir dieses Glück aber nicht haben." Traurig ist deswegen aber niemand. Die teils skurrilen, von Flechten überzogenen Felsformationen entschädigen auf ganzer Linie. Weil das Gestein hier härter als in der Umgebung war, schuf die Erosion in Millionen von Jahren den majestätischen Berg in Alleinlage.

Trotz der stolzen alpinen Höhe braucht es nur beim finalen Anstieg Trittsicherheit. Die letzten Höhenmeter kann man sich zur Not aber auch getrost schenken und gleich von der Aussichtsplattform nebst Schutzhütte die Aussicht genießen, sollte es der Nebel zulassen. Den Abstieg verkürzt bei Bedarf die historische "Gaustabanen" mit einer spektakulär steilen Fahrt durch das Berginnere. Im Winter nutzen Tiefschneefahrer die kleinen Kabinen als Aufstiegshilfe. Die Abfahrt soll ebenso majestätisch sein, wie der herbstliche Blick auf den Gipfel. Der Berg begeistert halt zu jeder Jahreszeit.

Infos zur Tour: Start nahe Rjukan, 710 Höhenmeter, Anfang Juni bis Ende September begehbar.

INFORMATIONEN
Die Telemark ist eine der südlichsten Provinzen Norwegens und reicht von der Skagerrak-Küste bis in die Hochebene Hardangervidda.

ANREISEN
Täglich gibt es ab München mehrere Direktflüge nach Oslo (Lufthansa/ SAS). Von dort geht es mit der Bahn (www.nsb.no) oder dem Mietauto weiter. Wer mit dem eigenen Wagen anreist, nutzt am besten die Fähre von Hirthals (Dänemark) nach Langesund oder Larvik.

ÜBERNACHTEN
Diese drei Hotels bieten sich für die beschriebenen drei Wandertouren besonders an. Venelifjellet: Quality Straand Hotel & Resort (www.straand.no); Falkenuten: Rauland Høgfjellshotel (www.visitrauland.com/Aktoer/Rauland-Hoegfjellshotell); Gaustatoppen: Gaustablikk Høyfjellshotell (www.gaustablikk.no)

TOUREN
Auf Englisch gibt es unter www.vandretelemark.no einen guten Überblick über Wanderrouten durch die Telemark.

www.visittelemark.com
www.visitnorway.com
PNP-Redakteur Gregor Wolf reiste auf Einladung von Visit Norway und Visit Telemark in den Süden Norwegens und fand die Gipfel auch ohne Kreuze schön. Mehr Reiseberichte vom Autor unter www.waldundwelt.de.