Wegen Rissen in Rohren
Anwohner beantragen vorläufige Stilllegung des Atomkraftwerks Isar 2

30.10.2022 | Stand 07.06.2024, 21:53 Uhr

Von Christoph Eberle

Die Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“ und zwei Anwohner aus dem Gebiet um das Atomkraftwerk Isar 2 in Essenbach (Landkreis Landshut) haben einen formalen Antrag auf vorläufige Stilllegung des Reaktors gestellt. Das teilte ein Sprecher am Sonntag mit.



Demnach sei der Antrag mit Unterstützung einer renommierten Hamburger Atomrechts-Kanzlei bereits unter der Woche beim Bayerischen Staatsministerium für Umweltschutz und Verbraucherschutz erfolgt. Hintergrund seien die zahlreichen Rissfunde in zwei baugleichen Reaktoren und die bisher unzureichenden beziehungsweise nicht erfolgten Risskontrollen im AKW Isar-2.

„Die bayerische Staatsregierung ruft nach einem längeren Betrieb des AKW Isar-2, schlampt aber bei den Sicherheitskontrollen des Reaktors“, erklärt Armin Simon von der Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“. Das AKW Isar-2 sei baugleich mit den AKW Neckarwestheim-2 und Emsland. In beiden diesen Reaktoren seien bereits zahlreiche Risse entdeckt worden. Die Rohre in allen drei Reaktoren seien aus demselben Material gefertigt, so die Anti-Atom-Organisation. Es bestehe deshalb der dringende Verdacht, dass auch das AKW Isar-2 diese Alterungsschäden aufweist und sich auch hier seit Jahren unerkannt Risse durch die Rohre fressen. „Mit Billigung von Umweltminister Thorsten Glauber (FW) betreibt E.on den Reaktor im sicherheitstechnischen Blindflug. Dagegen setzen wir uns zur Wehr“, so Armin Simon. Die Betreibergesellschaft PreussenElektra ist eine Tochterfirma des Energieriesen E.on.

Anwohner: „Wie wenn man seit Jahren ein Auto ohne TÜV-Plakette fährt“

Johann Huber (Name geändert) ist einer der Anwohner, die eine vorläufige Stilllegung fordern. Der Niederbayer, der in der Nähe des Kernkraftwerks lebt und kurz vor der Rente steht, vergleicht die Sicherheitsmängel mit dem Privatfahrzeug: „Das ist im Prinzip, wie wenn man seit Jahren ein Schrottauto ohne TÜV-Plakette fährt - nur eben nochmal deutlich gefährlicher“, sagt er. Denn regelmäßige Revisionsarbeiten seien wegen der geplanten Abschaltung Ende 2022 nicht oder nur unzureichend durchgeführt worden.

Ursache der Risse in Neckarwestheim-2 und Emsland sei die gefährliche Spannungsrisskorrosion, wegen der aktuell in Frankreich zahlreiche Reaktoren stillliegen. Betroffen an den deutschen AKW seien die jeweils 16.000 extrem dünnwandigen Dampferzeuger-Heizrohre, durch die das unter hohem Druck stehende, heiße und radioaktive Wasser aus dem Reaktorkern strömt. Die Risse bedrohen die Stabilität der Rohre. Ein Abreißen oder Bersten auch nur eines einzigen Rohrs wäre bereits ein schwerer Störfall, der sich bis zum Super-GAU entwickeln kann.

Meiler ging erst am Samstag, 29. Oktober wieder ans Netz

Auch in Isar 2 ist deshalb eine umfassende Risskontrolle aller 16.000 Rohre mit speziellen Sonden erforderlich. Solange die Rissfreiheit der Rohre nicht zweifelsfrei bestätigt ist, darf der Reaktor nicht wieder ans Netz gehen. Der zusammen mit zwei Anwohnern des AKW gestellte Antrag „schaffe die Voraussetzungen für weitere juristische Schritte“, heißt es.

Der Meiler in Essenbach war erst am 21. Oktober vom Netz genommen und am Samstag wieder in Betrieb genommen worden. Bei den Arbeiten wurden sogenannte Druckhaltervorsteuerventile erneuert, die für das Ablassen von Gasen und Dampf zuständig sind. Zuletzt war diese Wartung im Oktober 2021 erledigt worden.

Durch die Reparaturen soll das Atomkraftwerk bis ins kommende Jahr hinein weiterlaufen können. Das Bundeskabinett hatte am 19. Oktober beschlossen, den Weg für einen Weiterbetrieb von Isar 2 sowie von zwei weiteren Atomkraftwerken bis zum 15. April 2023 freizumachen.

Anwohner bleibt generell skeptisch, was den Weiterbetrieb betrifft

Noch zu Schulzeiten sei der Niederbayer Johann Huber, der in der Nähe des Atommeilers Isar 2 und des bereits abgeschalteten Isar 1 lebt, für Kernkraft und die Reaktoren in der Region gewesen. Doch mit den Jahren sei die Skepsis gewachsen und er bezeichnet sich nun selbst als Atomkraftgegner.

Dass Isar 2 nun länger als geplant betrieben wird, hält er für einen Fehler. „Wir brauchen es nicht“, sagt er. Denn obwohl Deutschland in den letzten Jahren reihenweise Atomkraftwerke abgeschaltet habe, produziere man noch immer mehr Strom, als benötigt wird.