Diesel-Skandal

Angeklagter Audi-Ingenieur: Zum "Bescheißen" gezwungen worden

07.10.2020 | Stand 07.10.2020, 19:06 Uhr

Der unter anderem wegen Betrugs angeklagte Giovanni P. (links), ehemaliger Ingenieur des Fahrzeugherstellers Audi, kommt mit einem seiner Verteidiger beim Landgericht in München an. −Foto: Balk, dpa

Starker Tobak kam am Mittwoch beim dritten Verhandlungstag im Audi-Prozess in München zur Sprache: Ein ehemaliger Motor-Ingenieur belastete laut Donaukurier die Konzernspitze schwer.

Selbst der Vorsitzende Richter sprach am Ende des Tages von einer "anstrengenden Sitzung", es ging viel um technische Details. In dem Verfahren rund um den Dieselskandal kam Giovanni P. als einer von zwei angeklagten Ingenieuren zu Wort. Sie sollen an der Entwicklung illegaler Abschalteinrichtungen beteiligt gewesen sein. Ebenfalls angeklagt sind Ex-Audi-Chef Rupert Stadler und der frühere Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz. Die Vorwürfe lauten auf Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung.

Giovanni P. zog seine erste Einlassung in der Hauptverhandlung wortreich und durchaus eloquent als historischen Abriss auf. Der 63-jährige Italiener hatte ab Herbst 2002 die Abteilung "Thermodynamik, OBD (On Board Diagnostic) und Abgasnachbehandlung" geleitet. In seine Zuständigkeit fielen unter anderem die "Clean Diesel"-Aggregate auf dem US-Markt. In seinen Ausführungen ging es um die selektive katalytische Reduktion zur Minimierung von Stickoxiden in Abgasen oder um AdBlue, eine Harnstofflösung als Mittel, um das zu erreichen, und weitere technische Details.

Ingenieur: Harnstoff machte die Diesel bis 2008 wirklich sauber

Er sei stets ein Verfechter des Mottos "Rolle gleich Straße" gewesen, betonte P. am Mittwoch immer wieder - das Abgasverhalten müsse da wie dort bei gleichen Bedingungen identisch sein. "Bis Ende 2008 sind die Fahrzeuge tatsächlich ,Clean Diesel' gewesen", stellte P. fest. Es sei immer soviel Harnstoff zum Einsatz gekommen, wie notwendig gewesen sei.

Doch dann habe sich das Blatt gewendet, "wir hatten Druck ohne Ende", brachte der Entwickler vor Gericht vor. Die AdBlue-Tanks sollten so klein wie möglich gehalten werden - der Platz für ein üppiges Soundsystem war wohl wichtiger. Um das Abgas richtig zu behandeln, sei aber mindestens ein Liter auf 1000 Kilometer nötig. Zugleich wollte Audi die Serviceintervalle für die Kunden so großzügig wie möglich gestalten. Immer wieder sei seine Abteilung diesbezüglich angemahnt worden. Intern hatten sie bald von "blauen Meldungen" gesprochen, wegen der Farbe von AdBlue.

"Diese Leute haben uns betrogen", sagte P. und meinte damit die oberen Audi-Etagen. Man habe seiner Abteilung nicht die Zeit und Möglichkeiten gegeben, korrekt zu arbeiten, Kompromisse seien abgelehnt worden, es hagelte Vorwürfe. Der Italiener brachte wie zum Beweis die "berühmte E-Mail" eines Kollegen ins Spiel. Der hatte am Abend des 22. Januar 2008 an den Mitangeklagten Henning L. geschrieben: "Meine Einschätzung: Ganz ohne ,Bescheißen' werden wir es nicht schafften. "

Von höherer Stelle aufgefordert worden, "Intelligentes" zu entwickeln

Nach Darstellung des 63-Jährigen sei er von höherer Stelle aufgefordert worden, "etwas Intelligentes" zu entwickeln. Indirekt sei es so herübergekommen, als würde es akzeptiert, wenn das "nicht ganz sauber" sei. Nicht er, der nun vor Gericht steht, sei dafür verantwortlich, das sei vielmehr "Konzernphilosophie" gewesen. Schließlich seien noch Ablagerungsprobleme an Bauteilen hinzugekommen und am Ende die schriftliche Anweisung, den AdBlue-Verbrauch auf 0,8 Liter pro 1000 Kilometer hinzutrimmen. Auf diese Weise seien die fragwürdigen Applikationen entstanden, er habe mitgemacht.

Ob er sich denn keine Gedanken über die Rechtmäßigkeit seines Tuns gemacht habe, wollte der Vorsitzende Richter Stefan Weickert wissen. "Er war nicht zufrieden und anderer Meinung und wollte das System verbessern", sagte P. s Verteidiger Walter Lechner. Fragen zur Legalität und Konformität der Umsetzung seien nicht seine Zuständigkeit, sondern die seiner Vorgesetzten gewesen. "Er hat sich dabei auf andere verlassen. " Die Einvernahme des 63-Jährigen wird nächste Woche fortgesetzt.

Die Wirtschaftsstrafkammer ließ am Mittwoch noch Staatsanwalt Dominik Kieninger zu den Anträgen des Anwalts von Ex-Audi-Chef Stadler Stellung beziehen. Der Verteidiger will das Verfahren abtrennen lassen. Kieninger wies die Vorwürfe, er behandle den Ex-Manager nicht fair und rechtswidrig, in seiner Erwiderung zurück. Das Vorgehen der Anklagebehörde sei von mehreren Gerichten geprüft und gebilligt worden. Über die Anträge wird später entschieden.