„Das kleinere Übel“

AKW Isar 2: So stehen die Anwohner zu Atomstrom und ihrem Kraftwerk

13.11.2022 | Stand 14.11.2022, 13:06 Uhr

Josef Klaus (CSU), Bürgermeister von Niederaichbach. Der Bundestag hat den vorübergehenden Weiterbetrieb der letzten drei deutschen Atomkraftwerke zur Sicherung der Stromversorgung beschlossen, darunter das Kraftwerk Isar 2 in Essenbach im Landkreis Landshut. −Fotos: Armin Weigel/dp

Atomkraft verlängern - ja oder nein? Eine Frage, die nicht nur in der Berliner Ampelkoalition heftigen Streit hervorrief. Die Anwohner rund um das Kernkraftwerk Isar 2 in Ohu bei Landshut sehen die Entscheidung dagegen gelassen.



Mehr dazu: Anwohner beantragen vorläufige Stilllegung des Atomkraftwerks Isar 2

Der Wasserdampf über dem Kühlturm des Kernkraftwerks prägt seit Jahrzehnten das Bild der Region. Ende 2022 hätte der Meiler Isar 2 vom Netz gehen sollen. Nun steht fest: Atomkraft in Deutschland geht in eine Verlängerung. Während Bundes- und Landespolitiker monatelang über diese Frage stritten und Umweltschutzverbände mahnten, scheint der Streckbetrieb bei den Anwohnern vor Ort kaum ein Aufreger zu sein.

Bürgermeister Neubauer: „Ich kenne es nicht anders“

In Essenbach und Niederaichbach leben die Menschen seit Jahrzehnten im Schatten des AKW. „Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne es nicht anders“, sagt Dieter Neubauer (CSU), Essenbachs Bürgermeister. Isar 2 steht auf dem Grund seiner Gemeinde und dennoch näher am Nachbardorf Niederaichbach. Das Kraftwerksareal mit dem Meiler Isar 1, der sich seit 2017 im Rückbau befindet, und dem Zwischenlager für Atommüll, verteilt sich auf beide Gemeinden - ebenso die Einnahmen aus der Gewerbesteuer. 80 Prozent davon flossen zuletzt an Essenbach.

Bei Rathauschef Neubauer und seinem Niederaichbacher Kollegen Josef Klaus (CSU) gehen seit Wochen Journalisten ein und aus. Auch die Anwohner sind Presseleute und Kameras gewohnt. Wer durch die zwei Dörfer spaziert und mit Menschen spricht, bekommt schnell den Eindruck: Die Atomkraftgegner, die leben anderswo.

Atomausstieg „populistische“ Entscheidung

„Auch wenn das Kraftwerk noch einige Jahre weiterlaufen würde, würde es den Leuten hier nichts ausmachen“, ist Neubauer überzeugt. „Es ist ihnen lieber, dass unser sicheres Kraftwerk weiterläuft, als wenn eventuell Kraftwerke an der tschechischen Grenze errichtet werden.“ Die Entscheidung, aus der Atomkraft in Deutschland auszusteigen, sei populistisch gewesen und die Debatte um die Laufzeitverlängerung ideologisch geprägt, sagt er.

Atomstrom „das kleinere Übel“

Der Blick geht aber auch hier in die Zukunft, die Energiewende soll kommen. Allerdings sei die falsch aufgezogen worden, findet Neubauer. Man hätte erst Alternativen finden und dann die Atomkraft beenden sollen. Gas und Öl seien auf Dauer keine Lösung und mit Kohle könne man nicht wieder anfangen. Da sei der Atomstrom das kleinere Übel. Und erneuerbare Energie mit ihrer derzeit beschränkten Speicherkapazität löse alleine das Problem nicht.

„Von mir aus könnte das Kraftwerk noch zehn Jahre laufen“

In ihren Gemeinden setzen die beiden Bürgermeister zum Beispiel auf Photovoltaikanlagen, in Niederaichbach stehen neue Strom-Zapfsäulen für E-Autos und Essenbach hat sein eigenes Glasfasernetz. „Das haben wir aus eigenen Mitteln finanziert und dann verpachtet.“ Das mache den Ort für Gewerbe interessant, so Neubauer. Die Gemeinde will sich ohnehin breiter aufstellen. Jahrelang hätten sie mit dem Atomkraftwerk im Grunde nur ein Standbein gehabt. Künftig soll es ein Mix aus Gewerbe, Industrie, Handwerk und Start-Ups sein.

„Von mir aus könnte das Kraftwerk noch zehn Jahre laufen“, sagt Claudia Reißner. Es sei doch besser, das eigene AKW zu betreiben, als auf unsichere Kraftwerke im Ausland zu setzen. Reißner ist Inhaberin einer Pension. Immer wieder seien bei ihr Monteure des AKW zu Gast. Erneuerbare Energien sind aber auch für sie ein Thema, wie Reißner sagt. Sie habe eine Solaranlage auf das Dach machen lassen.

Kaum AKW-Gegner im Ort

Als sie damals Mutter geworden sei, habe sie schon Bedenken wegen Leukämie gehabt, erinnert sie sich. Aber die Sorgen habe ihr ihr Arzt genommen. AKW-Gegner gebe es im Ort nur wenige. Die kämen dann „mit ihren dicken Autos“ von auswärts, um zu protestieren.

Manche Anwohner sehen das Thema Atomkraft durchaus zwiegespalten. Einer von ihnen ist Kirchenpfleger Bernhard Berndl. Er kehrt gerade im herbstlichen Sonnenschein mit einem Rechen das Laub vor der Kirche zusammen. Grundsätzlich sei es sicher gut, aus der Kernkraft auszusteigen, sagt er. Aber eine Laufzeitverlängerung findet er angesichts der aktuellen Energiekrise unproblematisch.

Ortschaft für Zuzug attraktiv

Die Zahl der ortsansässigen Gegner ist auch den Bürgermeistern zufolge überschaubar. Die Gemeinden hätten schließlich über viele Jahre sehr profitiert, sagt Klaus, der vom Balkon seines Rathauses direkt auf den Kühlturm von Isar 2 blicken kann. Niederaichbach hat, wovon manch anderes Dorf nur noch träumt: Schule, Kindergarten, Café, Supermarkt, Metzgerei, Bäcker. All das würden die Gegner, die nicht vor Ort wohnen, eben nicht sehen. Das Kraftwerk verhindere auch nicht den Zuzug. Im Gegenteil, sagt Klaus. Er wisse gar nicht, wo er die Bauplätze hernehmen soll, um die Nachfrage zu decken.

Dabei seien es ganz andere Standortfaktoren, die viele Menschen in die AKW-Gemeinden locken, sind sich Neubauer und Klaus einig: die Nähe zu München und zum Flughafen, das Einzugsgebiet Regensburg, die Verkehrsanbindung mit der Autobahn 92 und der Bundesstraße 15n sowie das nahe gelegene BMW-Werk in Dingolfing.

Bezüglich der Gewerbesteuer betonen die beiden Kommunalpolitiker, dass die Einnahmen mittlerweile deutlich zurückgegangen seien. Vorauszahlungen bekämen sie zurzeit nicht mehr, sagt Neubauer. Manchmal gebe es eine Nachzahlung aus Vorjahren und manchmal müssten sie eine Rückzahlung leisten. „Wir kalkulieren nicht mehr damit.“

Initiative aus Hamburg fordert Kontrollen

Und die Kritiker? Neben regionalen Initiativen gehört der Verein ausgestrahlt e.V. aus Hamburg dazu. Der hat nach eigenen Angaben jüngst beim Bayerischen Umweltministerium einen Antrag auf vorläufige Stilllegung des AKW Isar 2 gestellt. Anlass dafür seien zahlreiche Risse in den baugleichen Reaktoren Emsland und Neckarwestheim sowie die ihrer Ansicht nach bisher unzureichenden oder gar nicht erfolgten Risskontrollen im AKW Isar 2, erläuterte Sprecher Armin Simon.

Die Rohre in Isar 2 seien aus demselben Material gefertigt, weswegen der Verdacht bestehe, dass auch hier sich „seit Jahren unerkannt Risse durch die Rohre fressen“. Ein Abreißen der Rohre könnte mindestens einen schweren Störfall bedeuten. Deswegen sei eine Kontrolle aller 16.000 Rohre erforderlich, fordert die Initiative.

Über 400 Milliarden Kilowattstunden Strom

Der AKW-Betreiber PreussenElektra verkündete am Freitag einen Erfolg: Der Mitteilung nach hatte das Kraftwerk am Abend die Marke von 400 Milliarden Kilowattstunden erzeugten Stroms überschritten. Damit sei Isar 2 weltweit erst das zweite Kernkraftwerk, das diese Menge erreicht habe. In den knapp 34 Jahren seines Betriebes habe der Meiler „der Umwelt 400 Millionen Tonnen CO2“ erspart, die bei einer Verstromung durch Kohle- und Gaskraftwerke entstanden wären. Guido Knott, Vorsitzender der Geschäftsführung von PreussenElektra, sagte, Isar 2 zähle „nach wie vor zu den besten der Welt“.

− dpa