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Sambamusik und bunte Kostüme: So kennt man den Karneval in Rio. Die Veranstaltung ist längst eine Marke und ein extrem lukrativer Exportartikel geworden.  − Fotos: Solveig Flörke

Sambamusik und bunte Kostüme: So kennt man den Karneval in Rio. Die Veranstaltung ist längst eine Marke und ein extrem lukrativer Exportartikel geworden.  − Fotos: Solveig Flörke

Sambamusik und bunte Kostüme: So kennt man den Karneval in Rio. Die Veranstaltung ist längst eine Marke und ein extrem lukrativer Exportartikel geworden.  − Fotos: Solveig Flörke

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Ohne ihre blau gefärbten Kontaktlinsen geht Márcia Anjo nicht zur Tanzprobe. Die 37-jährige Brasilianerin ist die Vorzeigetänzerin in Rios Traditions-Sambaschule Império Serrano. Knapp bekleidet, aber reich verziert mit bunten Federn und funkelnden Pailletten, werden die besten von ihnen verehrt wie Königinnen − zumindest einmal im Jahr. Menschen aus der ganzen Welt bewundern und bejubeln sie. Wenn der Karneval zu Ende ist, geht es für Frauen wie Márcia zurück in den Alltag, und der ist meist alles andere als eine große Party.

Márcias Traum: ein richtiges HausEine Ziegelwand in Rios Armenviertel Complexo do Alemao grenzt an die andere, die meisten sind nicht zu Ende gemauert, geschweige denn verputzt. Hier wohnt Márcia Anjo mit ihrer ganzen Familie. "Ein richtiges Haus, klar, das wäre mein Traum", sagt sie, "und eine Brust-Vergrößerung." Dabei schaut sie auf ihr funkelndes Oberteil mit den glitzernden Trotteln, das einem BH gleicht, und drückt die Körbchen mit dem Zeigefinger ein. "Da ist kaum was drin", bedauert sie. Und die Form, die sei nach vier Kindern sowieso nicht mehr wie früher. Márcia hat vier eigene Kinder, vier weitere hat sie adoptiert, nachdem ihr Bruder gestorben war und die Waisen zurückgelassen hatte.

Kein Reich für eine Königin: Márcia Anjo über den Dächern des Armenviertels.

Kein Reich für eine Königin: Márcia Anjo über den Dächern des Armenviertels.

Kein Reich für eine Königin: Márcia Anjo über den Dächern des Armenviertels.

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Mit 15 wurde sie zum ersten Mal schwanger, in den Armenvierteln von Rio de Janeiro ganz normal. Und auch Márcia ist bereits Großmutter. Wenn sie beim Karneval auf hochhackigen Schnürschuhen Samba tanzt, sieht man ihr das allerdings nicht an. Rhythmus und Beweglichkeit, das seien ihre größten Talente, findet sie. Die Leute, die ihr beim Tanzen zusehen, wissen nicht, dass sie mindestens genauso gut kochen kann. Waschen, bügeln, ihren Körper fit halten, mit den Kindern diskutieren, den kleinen und den großen. All das gehört zum Alltag der 1,74 Meter großen Schönheit. Dinge, die man eben lernt, wenn man sie immer wieder tut.

Genau wie das Tanzen; denn eine richtige Ausbildung hat Márcia nie gemacht. "Sambamusik wurde überall gespielt, irgendjemand hat auf einer Dose getrommelt, und ich habe mich dazu bewegt, schon als kleines Mädchen." Seit 2004 tanzt sie bei einer Sambaschule. "Seitdem sind meine Tage um eine Routine reicher: Zwei Stunden Samba-Training. Da purzeln die Kilos, ganz ohne zusätzlichen Sport", erzählt sie. Bevor sie das Tanzen wieder aufgenommen hat, wog Márcia fast 100 Kilo, 35 davon hat sie abgespeckt. Historisch gesehen kein Problem: Das aus dem Portugiesischen stammende "Carnaval" bedeutet nämlich so viel wie "Abschied vom Fleisch".

Wasserballons fliegen aus FensternAls die Portugiesen den Brauch unter dem alten Namen "Entrudo" 1723 nach Brasilien brachten, ging es vor allem darum, sich gegenseitig mit Wasser, Puder, Kalk und allem, was gerade zur Verfügung stand, zu beschmutzen. Ein ausgelassenes und mitunter ausartendes Treiben. Diese Tradition hat sich gehalten, hinzugekommen sind Wasserballons, die einen an den Karnevalstagen in Rios Straßen von oben treffen können, wenn Leute sie gezielt aus ihren Fenstern schmeißen.

Bis heute ist der Karneval von einer historischen Ambivalenz zwischen spontanem Volksfest und organisierter Großveranstaltung geprägt. Der weltberühmten Parade schauen live vor allem Touristen und reiche Brasilianer zu. Alle Hotels von Rio richten sich mit aufwendigen Programmen auf die Karnevalstage als Saison-Höhepunkt ein. Zimmer sind dann nur für mehrere Tage am Stück und für einen hohen Paketpreis zu bekommen, Sonne- und Hitze-Garantie im brasilianischen Hochsommer inklusive.

Die einfachen Leute feiern stattdessen auf der Straße. So können sie sich für ein paar Tage aus dem strammen Korsett der Zwei-Klassen-Gesellschaft befreien. Längst ist der farbenprächtige Karneval von Rio eine Marke und ein extrem lukrativer Exportartikel geworden. Die Tänzerinnen wie Márcia sind daran maßgeblich beteiligt und das, ohne es überhaupt zu wissen.

Exotik und Lebensfreude strahlt Márcia aus, auch wenn es stressig ist. Dann zieht sie den Karnevalsschmuck bei strömendem Sommerregen unter einem Zeltdach oder in einem Toilettenwagen an. Ein breites Lachen trägt sie immer − und ihre blauen Kontaktlinsen. Es muss wohl daran liegen, dass Márcia die Welt mit anderen Augen sieht.

INFO Anreise: Günstig mit Iberia und British Airways (550 bis 1100 Euro). Seit kurzem fliegen auch KLM und Lufthansa Rio de Janeiro wieder direkt an, kosten aber mehr (1000 bis 2400 Euro).

 Unterkunft: Das Sofitel-Hotel in Rio de Janeiro zählt zu den besten Hotels der Stadt und bietet seinen Gästen, direkt am Strand der Copacabana gelegen, ein besonderes Karnevals-Programm an. Umgerechnet 4000 Euro werden für dieses viertägige Faschings-Paket fällig, www.sofitel.com. Wer es günstiger mag, der sollte sich bei den durchaus empfehlenswerten Jugendherbergen der Stadt frühzeitig informieren. Zum Beispiel Copa Hostel an der Copacabana: www.copahostel.com.br.

 Verkleidung: Die Verkleidung sollte auf alle Fälle luftig sein − bei Temperaturen von 35 bis 40 Grad halten Teddybär oder Clown nicht lange durch. Beliebt sind Feen, Hawaii-Mädchen oder Rettungsschwimmer bei den Männern. Wer sich kurzfristig Kostüme zulegen möchte: www.saarario.com.br.

Solveig Flörke, ehemalige Stipendiatin der Passauer Neuen Presse, arbeitet heute als freie Journalistin in Südamerika.












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Copyright © Passauer Neue Presse 2012
Dokument erstellt am 2012-02-17 13:56:23
Letzte Änderung am 2012-02-17 13:58:34







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