
Bunte Bauten prägen die Straßenzüge in Olinda, einer der ältesten Städte Brasiliens. − Foto: Helene Skupy
Bunte Bauten prägen die Straßenzüge in Olinda, einer der ältesten Städte Brasiliens. − Foto: Helene Skupy
Bild herunterladenPassender kann man sich Brasilien von Europa aus kaum nähern als mit einem Schiff wie der MSC Musica. Denn wir Europäer haben im Reisegepäck ein paar Klischees, einige Vorurteile und Illusionen, ein wenig Furcht vor Bettlern, Drogenhändlern, Dieben, Prostituierten und Kriminellen. Doch während wir von Europa nach Brasilien schippern, kommt uns auf dem Schiff auch die brasilianische Kultur näher: In der dreistöckigen Lobby sammeln sich die Gäste geradezu andächtig beim Hauskonzert eines brasilianischen Quartetts mit einer der besten Sängerinnen Brasiliens.
Musik an allen EckenSiebzehn Abende lang spielen die Musikanten auf, bis zum letzten Tag auf Stammhörer zählend, die ungeniert mitsingen, mittanzen, sich im Rhythmus der Musik wiegen. Auf Deck 6 spielt ein brasilianischer Pianist im Wechsel mit zwei brasilianischen Interpretinnen, die allerdings nicht harmonieren wollen. Ein paar Schritte weiter gibt ein brasilianisches Quintett sein Bestes. In der Weinbar spielt eine Brasilianerin, verzichtet jedoch auf Gesang. Und weil Brasilien Musik ist, spielt in der Crystallounge ein italienisches Quartett zusätzlich einige brasilianische Welthits.
Und so lassen wir die Vorurteile zurück und besinnen uns auf den Vorsatz, uns abseits der Sandstrände von Copacabana und Ipanema den historisch und architektonisch interessanten Hafenstädten relativ unvoreingenommen zu nähern. Wenn es dem Besucher tatsächlich gelingt, erlebt er eine Fülle von angenehmen Überraschungen. Groß ist die Verlockung, ins Schwärmen zu geraten in einem Land, in dem schon die Namen der Flüsse wie Cocktailgetränke klingen: Capibaribe oder Beberibe, an deren Mündung Recife liegt. Die brasilianische Mentalität ist bewundernswert: Das Wort "no" kommt nicht vor, man findet immer eine Möglichkeit, einen Ausweg, eine Finte, sich das Leben nicht schwerer zu machen, als es ohnehin ist.
Ein Lächeln ist die Gratisgabe für den Besucher. Gern stellen sich die Einheimischen für ein Foto hin. Sie sind uneigennützig freundlich und hilfsbereit, was so weit geht, dass in Fortaleza ein Soldat die Festung Touristen zeigt. In Bahia erwarten mehrere elegant gekleidete Baianas, Gläubige der legendären Kirche Bomfin, die Reisenden im Hafen. Selten hat man das Gefühl, bedrängt zu werden oder von Bettlern belagert zu sein. Die berüchtigten Dealerringe und Kinderbanden treiben ihr Unwesen eher in den Armensiedlungen und in den Favelas. Allein in Rio gebe es an die tausend Favelas, erklärt unser Reiseführer Bruno.
Großfamilien zieht es an den StrandFährt man hinauf zur Christusstatue auf den Corcovado, sieht man einige aus der Zahnradbahn. Vom Zuckerhut aus sind dagegen herrliche, wochentags kaum frequentierte Sandstrände zu sehen. An Wochenenden und Feiertagen freilich verwandeln sie sich in brodelnde Großfamiliennester unter Zehntausenden bunter Sonnenschirme. Denn Palmen spenden auch in Brasilien keinen Schatten.
Einen Schatz hüten die Brasilianer trotz vielfacher Bekenntnisse zum Patriotismus nicht immer ausreichend: die Architektur der vergangenen drei Jahrhunderte. Viele Kolonialbauten sind in einem erbärmlichen Zustand, sie modern so lange vor sich hin, bis sich ein Immobilienhai ihrer "erbarmt", sie gewinnbringend abreißt und stattdessen Hochhäuser hinbaut. Andere Gebäude hingegen sind restauriert und präsentieren sich innerhalb der Millionenstädte als Schätze, die selbst eine lange Anreise lohnen. So entstand im historischen Kern von Fortaleza inmitten von Häusern aus der Gründerzeit ein attraktives, interaktives Kulturzentrum mit einem Planetarium. In Recife wurden einige Gebäude des 19. Jahrhunderts restauriert. Ihre frischen, grellen Farben spiegeln sich im Fluss wider. Eine der schönsten Fassaden des gesamten amerikanischen Kontinents prägt den Eingang der etwas gedrungenen Franziskanerkirche unweit des Theaters.
Die Stadt Olinda, Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, weist eine einmalige Vielfalt an Hausformen auf – jedes "Legokästchen" hat eine andere Fassade, eine andere leuchtende Farbe. Zu den Ensembles gehören Kirchen und Klöster der Barockzeit ebenso wie Paläste des 19. Jahrhunderts. Ein Kleinod unter den 800 geschützten Gebäuden in Salvador ist die Klosteranlage São Francisco mit einer überbordenden Kirchenausstattung mit viel Blattgold sowie 74 großformatigen Kacheln im Kreuzgang. Sie stellen weltliche und geistliche Motive dar, wozu neben dem Alltag der Tod gehört.
Es gibt viel zu sehen in diesem jungen Land. Auch die Probleme der Bevölkerung: Die mangelnde Bildung – alle Reisebegleiter in Fortaleza, später in Recife, Salvador und in Rio erwähnen es mit Bedauern und großer Sorge – sei die Achillesferse des 21. Jahrhunderts in dem aufstrebenden Land, das nicht alle seine Ressourcen nutzt.
Autor Hans-Horst und Fotografin Helene Skupy sind Reisepublizisten aus Ruhstorf (Landkreis Passau).
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Redaktion Karin Polz Tel. 0851 / 802 363 E-Mail: karin.polz@pnp.de Anzeigenverkauf Mediaberater |