
Schwangerschaft und Geburt sollten keine angstbesetzten Themen sein, denn jede Frau kann aus eigener Kraft gebären und kann sich entspannt zurücklehnen. Sie muss nur auf die Kraft der Natur vertrauen, rät eine Hebamme, die über 50 Jahre Erfahrung mit sanften Geburten verfügt. − Fotos: Superbild/Kneipp
Schwangerschaft und Geburt sollten keine angstbesetzten Themen sein, denn jede Frau kann aus eigener Kraft gebären und kann sich entspannt zurücklehnen. Sie muss nur auf die Kraft der Natur vertrauen, rät eine Hebamme, die über 50 Jahre Erfahrung mit sanften Geburten verfügt. − Fotos: Superbild/Kneipp
Sie ist seit 50 Jahren Hebamme. Mit Leib und Seele. Gerade deshalb machen Erika Pichler die wachsenden Kaiserschnittraten zu schaffen. "Früher passierte das Gebären und Sterben daheim, war in das Leben und die Gemeinschaft eingebunden. Heute werden Geburt und Tod oft als keine natürlichen Prozesse mehr erlebt und sind mit viel Angst besetzt. So viel Angst, dass immer mehr Frauen sich entscheiden, all dem aus dem Weg zu gehen und sich einen Kaiserschnitt wünschen", kritisiert die 72-jährige Kärntnerin beim 2. Symposium für Traditionelle Europäische Medizin (TEM) in Linz, das in diesem Jahr unter dem Motto "Frauengesundheit" stand.
Erika Pichlers größter Wunsch: "Schwangere und Gebärende müssen emotional begleitet werden. Jede Frau kann aus eigener Kraft gebären, aber dazu braucht sie volles Vertrauen, um die Kontrolle loslassen zu können, und einen Raum, in dem sie sich sicher und geborgen fühlt."
In ihrem Vortrag berichtete die ehemalige Hebamme darüber, wie unsere Vorfahren vor 30 000 Jahren lebten und entbunden haben. So wussten die Frauen damals in der Höhle eine Gebärende mit Düften, Massagen, warmen Fußbädern und Zuwendung zu verwöhnen, damit sie ihre natürliche Geburtskraft entfalten konnte. "So etwas wäre auch heute wünschenswert, die emotional stärkende Seite so eines geschützten Raums mit der modernen Geburtshilfe zu vereinen", appelliert Erika Pichler.

Erika Pichler hat in 50 Jahren unzähligen Babys auf sanfte Art auf die Welt geholfen.
Erika Pichler hat in 50 Jahren unzähligen Babys auf sanfte Art auf die Welt geholfen.
Sie stört sich daran, dass beim Gebären heute manchmal der Eindruck vermittelt werde, schneller sei besser. Und weil wir heute so vieles steuern können, verführe dies manchmal zum Eingreifen in den Geburtsprozess, wo jedoch nach Ansicht von Erika Pichler Geduld und Abwarten angezeigt wären. "Wir vertrauen uns heute dem Fluss des Lebens nicht mehr an", bedauert sie.
Als Grund, warum sich immer mehr Frauen aus Angst vor einer natürlichen Geburt von vornherein für einen Kaiserschnitt entscheiden, vermutet die Hebamme Folgendes: Es könne sein, dass wir in unserem Unterbewusstsein, im Zellgedächtnis durch eigene schwere Erlebnisse bei unserer eigenen Geburt von großen Ängsten geplagt sind. Vielleicht, weil die Mutter während der Geburt schmerzstillende Medikamente verabreicht bekommen hat, die sie auf einen wahren Horrortrip geschickt haben, und sie damit auch ihrem Baby ihre eigenen Ängste mitgegeben hat, mutmaßt die Kärntnerin.
In einem leidenschaftlichen Plädoyer für die natürliche Geburt schwor Erika Pichler bei ihrem Vortrag die Zuhörerinnen, darunter viele Hebammen und Frauenärztinnen, darauf ein, Schwangere mehr emotional zu begleiten. "Es ist so unendlich wichtig, dass wir die Ängste der Schwangeren abbauen, damit sie ihren Kindern im Bauch die ,Leben-ist-schön-Botschaft‘ vermitteln können, denn das kleine Wesen wartet darauf."
Wichtig wäre es der 72-Jährigen auch, dass die Gebärenden wieder mehr ihre positiven Kräfte zum Wirken bringen, dass sie auf die Natur vertrauen, auf sich selbst. "Um den Kindern eine sanfte Landung auf dieser Welt zu ermöglichen, sollten Gebärende jegliche Art von Steuerung und Kontrolle aufgeben und sich stattdessen darauf einlassen, über Grenzen zu gehen. Ich bezeichne es immer als Rolltreppe, auf die sich die Frauen begeben sollten, um ins Säugetiergehirn runterzufahren, wo alles abgerufen werden kann, wo die Instinkte zu Hause sind. Wenn Frauen bei der Geburt diesen Zustand erreicht haben, hört das Denken auf, alles läuft automatisch, sie lassen sich mitnehmen und tragen von diesen ungeheuren guten Geburtskräften." Aus 50 Jahren Entbindungshilfe weiß die alte Hebamme, wie sie sich beim Vortrag häufig selbst bezeichnete, dass dadurch auch reichlich Endorphine ausgeschüttet werden, die die Schmerzgrenze so weit hinaufsetzen, dass die Frau den Weg durch die Geburt zu und mit ihrem Kind gut gehen kann. Sandra Hiendl
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