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05.01.2013  |  05:00 Uhr

Späte Emanzipation eines Standup-Schmatzers

Der Dichter und Dozent Hans Göttler hat sich ganz seiner bayerischen Heimat verschrieben. Den Mut zum eigenen Dialekt fand er aber erst spät.

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Hans Göttler in der "Schwimmbadbibliothek" seines Bungalows. Früher war hier der Pool des Hauses, heute stapeln sich Bücher.  − Foto: Winter

Hans Göttler in der "Schwimmbadbibliothek" seines Bungalows. Früher war hier der Pool des Hauses, heute stapeln sich Bücher.  − Foto: Winter

Hans Göttler in der "Schwimmbadbibliothek" seines Bungalows. Früher war hier der Pool des Hauses, heute stapeln sich Bücher.  − Foto: Winter


Als Franz Huber das erste Mal nach München kommt, fühlt er sich wie ein Fremder, ein Alien aus Niederbayern. Franz ist Student, stammt aus einem kleinen Provinzkaff und weil seine Eltern Kleinbürger sind, trägt er seinen besten Anzug. Aber es ist Anfang der 70er und nicht die Zeit für saubere Anzüge. Münchens Studenten treibt noch immer der 68er-Geist um, es wird viel und heiß diskutiert. Der Huber Franz aus Niederbayern hält sich aber lieber zurück, sein Dialekt ist ihm peinlich. Stattdessen geht er sehr oft Theater. Und weil er ständig eine Aktentasche mitschleppt, hat er bei den Garderobendamen schnell einen Spitznamen weg: sie nennen ihn den "Theaterarzt".

Prostata-Leiden und Scheiß Passau So oder ähnlich könnte eine Erzählung von Hans Göttler beginnen. Der Heimatdichter aus Simbach am Inn schreibt häufig über Menschen, die in (Nieder-)Bayern daheim sind. Ironisch gibt er Einblicke in ihr berühmtes oder weniger berühmtes Leben. Da geht es in einer Geschichte um den durchreisenden Mozart, der seinen Aufenthalt in Passau "Scheiße" findet. Um die Prostata-Leiden eines Möchtegern-Dichters und wie ein Bronze-Denkmal zum "Arsch des Anstoßes" wurde. Mit seinen deftigen, aber immer auch hintersinnigen Geschichten hat sich Hans Göttler einen festen Platz bei den Münchner Turmschreibern erschrieben. Seit 2005 ist er Mitglied und tourt kreuz und quer durch ganz Bayern. Das Zuhause des Heimatdichters aber ist ein Bungalow im Rottal, umgeben von endlosen Feldern, eine Art architektonisches Ufo gelandet auf dem Wüstenplaneten Mais.



Hans Göttler steht in der Tür und grüßt auf betont lockere Art. "Servus, ich bin der Hans, wie geht’s?" Dabei lacht er sein entwaffnendes Lausbubenlachen und erzählt ohne große Umschweife von einem Hasen, der ihn immer im Garten besucht und dem er eine Karotte draußen neben den Eingang gelegt hat. Da ist er, der Stegreiferzähler und Standup-Schmatzer, der am liebsten in Wirtshäusern auftritt. Wo es laut ist, wo gegessen und getrunken wird und Göttler zwischen seinen Lesungen auf Hochzeitslader-Art die Leut’ mit spontanen Einfällen und Witzen unterhält. Auch hier ist er zuhause, ist für ihn Heimat. Denn der 59-Jährige ist ein "Wirtsbua", wie er sich selbst nennt.

"Ich bin im Wirtshaus aufgewachsen. Sobald es ging, musste ich mithelfen. Salat herrichten, Essen auftragen, Bier einschenken", erinnert er sich. Wirtshäuser waren damals noch gesellschaftlicher Mittelpunkt eines Dorfes. Vereinsheime oder andere Treffpunkte gab es nicht. "Im Winter haben bei uns die Königlich-Privilegierten-Schützen geübt. Die Trachtler tanzten uns den Holzboden kaputt und regelmäßig kam der Frauenbund. Eigentlich eine schöne Zeit", sinniert der Heimatdichter. Die aber auch ihre dunklen Seiten hatte.

"Als Wirtskind ist man immer ein bisschen in der Öffentlichkeit", sagt Hans Göttler und erinnert sich daran, als er und seine jüngere Schwester als Kinder immer nach dem Baden durch die Gaststube mussten. "Das war vor allem für meine Schwester sehr peinlich, wenn die Gäste schauten." Er selbst hatte als Kind besonders Angst vor den Betrunkenen. "Den Quartalssäufern, die herumkrakeelten und denen, die ständig vor sich hinmurmelten und auf die Holzbank nässten. Die ganz schlechten Erfahrungen blieben uns aber erspart", erzählt Göttler und meint damit Fälle, bei denen Wirtskinder von Gästen auch sexuell belästigt wurden.

Leicht hatte es der Heimatdichter dennoch nicht. Mit 14 wurde sein Vater schwer herzkrank, der Teenager Hans Göttler musste kräftig mitanpacken. "Pubertät", sagt er in der Rückschau, "so was kannte ich nicht. Die hab’ ich einfach übersprungen. Wenn man’s genau nimmt, hätte aus mir ein Revoluzzer werden können."

Göttler ist im Esszimmer seines Bungalows, einer Mischung aus bayerischem Wirtshaus und Gelehrtenstube. Er sitzt auf der Eckbank und blickt auf einen Schrank, in dem Bierhumpen und Schmeitzlerdosen stehen. Aus dem Wirtsbuam von damals ist mittlerweile ein gestandener Dozent und Dichter geworden, einer, für den es stetig bergauf ging im Leben. Doktortitel mit 25, dann Gymnasiallehrer, Heirat, Kinder, Unidozent und schließlich akademischer Direktor der Universität Passau. Wie er das geschafft hat? Mit sehr viel Disziplin.

"So bin ich erzogen worden", erzählt er in einem Ton, der wie ein spätes Eingeständnis klingt. Dass Disziplin für ihn nicht nur bedeutete fleißig zu sein, sondern auch sich unterzuordnen. Disziplin, das hieß für den Wirtssohn aus Simbach vor allem: Nicht schmatzen, sondern hochdeutsch reden. "Ja, ich habe die Mundart schon als Makel empfunden", gesteht er freimütig. "Schon früh in der Schule, wenn mich die Englischlehrerin mit "very lower bavarian" tadelte. Und auch später an der Universität in München. Da habe ich mich selten gemeldet, weil ich Angst hatte, dass jemand lachen könnte wegen meines Dialektes. Manche meinen ja, wer Mundart spricht, ist nicht besonders hell auf der Platte", beschreibt er seine Negativerfahrungen in der weiß-blauen Landeshauptstadt.

Zurück in Niederbayern begann Göttler seinen Beruf als Deutsch- und Geschichtslehrer am Gymnasium – und verlangte von seinen Schülern, ebenfalls hochdeutsch zu reden. In der Lehrerausbildung hatte man es ihm so eingeimpft. "Auch später an der Uni war Schriftsprache Pflicht. Richtig wohlgefühlt habe ich mich dabei nie. Es kam mir immer irgendwie gekünstelt vor."

"Wer Mundart spricht ist nicht besonders hell" Inzwischen ist Göttler fast sechzig und schmatzt, wie er lustig ist. Und lustig ist er oft. "Als Dozent achte ich natürlich darauf, dass ich verstanden werde. Wegen der nichtbayerischen Studenten. Ansonsten versuche ich aber ich selbst zu sein und dazu gehört auch mein Dialekt. Das traue ich mich jetzt seit ich fünfzig geworden bin – eine späte Emanzipation sozusagen." Die Geschichte vom Huber Franz, sie könnte auch die Hans Göttlers sein. Ein niederbayerischer Entwicklungsroman, von einem, der erst spät über die Heimatdichtung und die Beschäftigung mit Heimatdichtern zur eigenen Sprache gefunden hat. Eine mit Happy End, die aber Mut macht zum "Mitschmatzen".

Der Autor Thomas Winter ist Volontär und studierte Germanistik. Mit Heimatdichtung kennt er sich aus. Das Thema seiner Magisterarbeit: bayerische Heimatdichter.



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Späte Emanzipation eines Standup-Schmatzers
Als Franz Huber das erste Mal nach München kommt, fühlt er sich wie ein Fremder, ein Alien aus Niederbayern. Franz ist Student, stammt aus einem kleinen Provinzkaff und weil seine Eltern Kleinbürger sind, trägt er seinen besten Anzug.
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