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Passau  |  04.02.2012  |  05:00 Uhr

Leihst du mir dein Sofa?

Die Welt zu Gast im heimischen Wohnzimmer: Bohdan Kukharskyy ist ein "Couchsurfer" und bietet Fremden einen Schlafplatz auf seiner Couch in Passau an.

von Theresa Eisele

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Das große rote Sofa in der WG-Küche ist kostenloser Schlafplatz für Fremde und Treffpunkt für die WG zugleich: Bohdan Kukharskyy (l.) bietet Reisenden einen Schlafplatz an und bekommt interessante Geschichten und Bekanntschaften zurück. Drei Chinesen brachten Essstäbchen als Gastgeschenk mit nach Passau.  − Foto: Jäger

Das große rote Sofa in der WG-Küche ist kostenloser Schlafplatz für Fremde und Treffpunkt für die WG zugleich: Bohdan Kukharskyy (l.) bietet Reisenden einen Schlafplatz an und bekommt interessante Geschichten und Bekanntschaften zurück. Drei Chinesen brachten Essstäbchen als Gastgeschenk mit nach Passau.  − Foto: Jäger

Das große rote Sofa in der WG-Küche ist kostenloser Schlafplatz für Fremde und Treffpunkt für die WG zugleich: Bohdan Kukharskyy (l.) bietet Reisenden einen Schlafplatz an und bekommt interessante Geschichten und Bekanntschaften zurück. Drei Chinesen brachten Essstäbchen als Gastgeschenk mit nach Passau.  − Foto: Jäger


Als Bohdan ein kleiner Junge war, saß er oft in der Küche seiner Großmutter in Ter-nopil, im Westen der Ukraine, und lauschte ihren Geschichten. Die Großmutter erzählte von vergangenen Zeiten, von fremden Reisenden und von großer Gastfreundschaft: "Meine Oma hat Wanderer, Zeitarbeiter und Kriegsflüchtlinge aufgenommen", erzählt der 24-Jährige, "heute besitzt sie dafür einen großen Schatz an Geschichten."

Gut fünfzehn Jahre später sitzt ihr inzwischen erwachsener Enkel in seiner WG-Küche in Passau auf einem großen, roten Vier-Meter-Sofa und erzählt selbst Geschichten. Viele davon hat er erst kürzlich gesammelt – dank des großen roten Sofas oder, wie er es nennt: "Der größten Couch, die du je gesehen hast."

Für Reisende mit großer AbenteuerlustDer 24-jährige Ukrainer hat nichts gegen Besuch, auch nicht von Fremden. Denen bietet er sogar sein Sofa an, wenn sie auf der Durchreise sind. Im Gegenzug darf er auch kostenlos auf fremden Sofas übernachten – und das weltweit. "Couchsurfing" nennt sich das bislang größte Netzwerk im Internet, auf dem Reiselustige mit klammem Geldbeutel oder großer Abenteuerlust kostenlose Schlafplätze suchen. Mittlerweile vernetzen sich rund drei Millionen Couchsurfer im Internet.

Ein paar davon sind bei Bohdan und seinen beiden Mitbewohnern, Jakob und Hans-Peter, gelandet. Im März 2011 gründeten die drei Studenten eine WG in Passau, das rote Sofa stand bereits in der Wohnung – und die Idee war geboren. "Ab Juni hatten wir jede Woche ein bis zwei Couchsurfer zu Gast", erklärt Bohdan, während er auf dem großen, massiven Küchentisch jede Menge Salat schnippelt. Der 24-jährige Ukrainer zog nach Passau, um hier seinen Doktor in VWL zu machen, er wird von zwei DAAD-Stipendien gefördert. Sein Deutsch ist perfekt. Die Sprache hat er auch von seiner Oma gelernt, sie war Deutschlehrerin. Doch erst als sie vor kurzem ihren Enkel in Passau besuchte, lernte sie Deutschland kennen. "Ich glaube, wenn ich es ihr erklären würde, sie würde auch Couchsurfen", ist Bohdan überzeugt.

Während er erzählt, putzt er weiter Salat, deckt den Tisch, bietet Getränke an. Bohdan isst oft mit seinen Gästen zu Abend, und wenn er Zeit hat, zeigt er ihnen auch noch die Stadt. Das bleibt nicht aus, wenn man Gäste hat − egal, ob fremd oder bekannt. "Einmal führte ich zwei Ungarn durch Passau, aber alles, was ich ihnen über Passau erzählen wollte, hatten sie schon im Internet gelesen", grinst Bohdan.

Er erzählt gerne von seinen Besuchern, die wirklich aus aller Welt kommen. Im Oktober zum Beispiel beherbergte er den Kanadier Raphael Chevalier. Er führte den 28-Jährigen zur Marienbrücke − dort soll Adolf Hitler als Kleinkind in den Inn gefallen sein. Raphael Chevalier schrieb diese Geschichte später in seinen Reiseblog. Mittlerweile ist Raphael weitergereist, er möchte mit dem Fahrrad nach Indien radeln. Und Bohdan verfolgt seine Route im Internet, es hat sich eine kleine Freundschaft entwickelt.

Gäste aus China, zu Gast in WeißrusslandManchmal bleiben die Sofagäste nur eine Nacht, manchmal bleiben sie länger. Oft sind sie auf der Durchreise, andere kommen zu Tagungen an die Universität. Schlechte Erfahrungen hat Bohdan nicht gemacht, er schenkt seinen Gästen viel Vertrauen. Sie ihm im Gegenzug auch, und nicht nur das: Drei Chinesen ließen als Gastgeschenk Essstäbchen in der WG, viele andere schreiben Kommentare in Bohdans Gästebuch auf Couchsurfing.de. "Bohdan hat ein großes Herz" − "Er ist ein guter Zuhörer und hat ein einnehmendes Lachen"− "Ich fühlte mich noch nie so wohl bei einem Gastgeber" – die Einträge lesen sich wie Kurzbeschreibungen des Ukrainers, wer sie liest, hat das Gefühl, Bohdan näher zu kennen. Man muss wohl genau so sein als Couchsurfer: sehr interessiert und gastfreundlich. Bohdan spricht gerne über Literatur, Gott und die Welt und: Er hört gerne zu. Als er selbst auf dem Weg in die Ukraine in Belarus auf einem fremden Sofa übernachtete, berichtete ihm sein Gastgeber an zwei Tagen von Protesten in Weißrussland: "Durch den Arabischen Frühling hatten die Leute in Belarus neue Hoffnung, sie veranstalteten Schweigemärsche oder klatschten an öffentlichen Plätzen." Mittlerweile sei Klatschen und Schweigen in der Öffentlichkeit verboten, "aber wenn Fremde in die Stadt kommen, wollen sie von ihrer Situation erzählen".

Wenn Bohdan nicht zufällig auf einer fremden Couch in Weißrussland übernachtet hätte, hätte er wohl nie davon erfahren. Irgendwann möchte er seinen Enkeln diese Geschichten erzählen − "wie es meine Oma getan hat".
Die Autorin Theresa Eisele ist Stipendiatin bei der PNP und plant, ihren nächsten Urlaub als Couchsurferin zu verbringen.












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Copyright © Passauer Neue Presse 2012
Dokument erstellt am 2012-02-04 01:16:23
Letzte Änderung am 2012-02-05 00:21:47







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