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Teil 6  |  09.09.2011  |  05:00 Uhr

"Niederbayern hat über 150 Tänze"

Das PNP-Gebiet ist ein Volkstanzmekka, sagt Forscher Wolfgang Mayer − Teil 6 der Serie "Mia san d'Musi"

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Privat tanzt er auch gern Rock ’n’ Roll, beruflich sammelt er alles, was die bayerische Tradition an Schritten und Figuren zu bieten hat: Wolfgang Mayer, hier beim Tanz mit seiner Tochter Katharina, bekannt als Tanzmeisterin vom berühmten Münchner Kocherball.  − Foto: Pongratz

Privat tanzt er auch gern Rock ’n’ Roll, beruflich sammelt er alles, was die bayerische Tradition an Schritten und Figuren zu bieten hat: Wolfgang Mayer, hier beim Tanz mit seiner Tochter Katharina, bekannt als Tanzmeisterin vom berühmten Münchner Kocherball.  − Foto: Pongratz

Privat tanzt er auch gern Rock ’n’ Roll, beruflich sammelt er alles, was die bayerische Tradition an Schritten und Figuren zu bieten hat: Wolfgang Mayer, hier beim Tanz mit seiner Tochter Katharina, bekannt als Tanzmeisterin vom berühmten Münchner Kocherball.  − Foto: Pongratz


Wolfgang Mayer (67) hat seine Leidenschaft für Musik zum Beruf gemacht: Als Volksmusik- und Volkstanzforscher am Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ist der Münchner tausende Kilometer zu Fuß durch alle Bezirke gezogen, um Tänze aufzuspüren, aufzuzeichnen – und natürlich zu tanzen. Die PNP hat mit ihm über seine Arbeit, das Tanzmekka Bayern und die Liebe zum Rock 'n' Roll gesprochen.



Information


Linktipps, Notenblätter und Musikvideos gibt es hier:

Herr Mayer, Volkstanzforschung – ist das eher Kopf- oder eher Beinarbeit?

Mayer: Lust am Tanzen muss man schon mitbringen (lacht). Bis vor wenigen Jahren habe ich keinen Tanz ausgelassen. Sogar wenn ich Tanzmeister bin, tanze ich mit. Mit 14 Jahren habe ich meine Bewegungslust durch den Rock 'n' Roll entdeckt und bin durch das Tanzen schließlich zur Volksmusik gekommen. Irgendwann habe ich dann angefangen, Fragen zu stellen: Warum bewegen sich die anderen so? Wie bewegen sie sich? Wo kommt das her?

Tanzsuche bedeutet SchatzsucheEine schöne Arbeit?
Mayer: Wenn du völlig narrisch bist auf etwas und das dann noch zu deinem Beruf machen kannst – das ist unübertroffen schön. Das Spannende an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Volkstanz war, dass erst um 1950 richtig mit dem Sammeln begonnen wurde. Ein Vakuum, es gab unglaublich viel aufzuzeichnen. Und es ist immer wieder ein Abenteuer, die Leute nach ihren Tanzkenntnissen zu befragen.

Sie sind über Bayern hinaus unangefochtener Volkstanz-Experte. Warum macht sonst keiner, was Sie machen?
Mayer: Das habe ich mich auch oft gefragt. Vielleicht, weil es Zeit braucht? In der Feldforschung muss man erst einmal das Vertrauen der Menschen gewinnen. Man muss sie erzählen lassen und abwarten, was ihnen einfällt. Und dann die richtigen Fragen stellen können.

Klingt nach Schatzsuche.
Mayer: Ja. Bloß kann man eben nicht einfach hingehen, den Schatz heben und dann wieder heimfahren. Tanzsuche ist ein langer Prozess, bei dem der Respekt vor und die Begegnung mit dem Anderen das Wichtigste sind.

Wie zeichnet man Tänze auf?
Mayer: Anfangs stand ich am Tanzboden, habe das Getanzte schnell aufskizziert, die Schritte dann draußen auf dem Parkplatz ausprobiert und mir eingeprägt. Später haben wir mit Super-8 und dann mit Video aufgenommen. Und es gibt normierte Tanzbeschreibungen mit speziellen Abkürzungen, um die Schritte und Figuren niederzuschreiben.

Kann man heute überhaupt noch herausfinden, wie ein alter Tanz "richtig" getanzt wird?
Mayer: "Richtig getanzt" gibt es sowieso nicht. Natürlich meinen manche Gralshüter, dass es nur eine einzige Norm zu geben hat. Die haben nicht verstanden, dass Tanz immer viele Ausführungsformen hat. Bei meiner ersten Forschungsarbeit in der Oberpfalz habe ich allein 20 verschiedene Formen des "Hiatamadl" ausgemacht! Bayern hat da eine unglaubliche Fülle an Variationen. Und diese Vielfalt, die ist richtig.

Ist Bayern ein Tanzmekka?
Mayer: Bayern hat mit Sicherheit die reichste Tanzlandschaft in Deutschland, das kann ich nach vier Jahrzehnten Forschung sagen. In Bayern wird freilich auch mehr Tanzforschung betrieben als in manchen anderen Bundesländern.

Wie steht es im Besonderen um das PNP-Verbreitungsgebiet?
Mayer: Bestens! Allein Niederbayern hat bestimmt über 150 Tänze. Das ist dem Einfluss der hochmusikalischen Nachbarschaft in Böhmerwald, Mühl- und Innviertel zu verdanken, aber auch den Donaustädten, wo stetig neue Ideen und Moden vermittelt wurden. In Niederbayern haben wir umfangreiche Handschriften gefunden – und können den eigentlichen Reichtum trotzdem nur erahnen. Auch im Altöttinger Raum gibt es viel zu entdecken. Zum Beispiel Zeugnisse fast vergessener Praktiken wie das "Vorgeigen" beim Landler.

Wo werden Sie fündig?
Mayer: Mitten unter den Leuten. Die halbe Volksmusikwelt kommt ja gar nicht an die Öffentlichkeit, spielt sich abseits der Bühnen ganz bescheiden zu Hause ab. Pfeifen in der Badewanne ist Volksmusik, tanzen auf der Hochzeit ist Volkstanz. Für die Forschung gibt es da unerschöpfliches Material. Gute Quellen sind aber auch Musikanten auf dem Land, die noch aus handgeschriebenen Notenbüchern spielen. Und in der Nähe von Tittmoning sind wir auf einer Mülldeponie auf eine Handschrift von 1811 gestoßen, nachdem aus einem Dachboden ein alter Notenkoffer entsorgt wurde. Glücklicherweise gibt es noch viele Dachböden, die bisher nicht ausgeräumt wurden (lacht).
"Am liebsten tanze ich Landler aus Freyung"Wie lebendig ist die Tanzvielfalt?
Mayer: In der Volkstanzpflege heute ist man zufrieden, wenn man ein oder zwei gediegene Formen für einen Tanz hat, auch wenn die Forschung weiß, dass es noch 20 andere Formen dieses Tanzes gibt. Trotzdem wird der Tanz immer vielfältig bleiben – allein schon deshalb, weil die modernen Möglichkeiten der Verbreitung für Musik und Tanz so vielfältig und kostengünstig sind wie nie.

Wir müssen uns also keine Sorgen machen?
Mayer: Ich habe da nicht die geringste Sorge. Heute entdecken wir ja auch Tänze, die vor langer Zeit in Mode und dann zwischenzeitlich fast vergessen waren. Wenn der Zwiefache irgendwann nimmer gefällt, dann entdeckt man ihn halt in hundert Jahren wieder. Und dann gibt's eine unglaubliche Zwiefachen-Welle (lacht). Weil er einfach wunderschön zum Tanzen ist.

Ihr liebster Tanz?
Mayer: Am allerliebsten tanze ich den Landler aus Rehberg bei Freyung, da fühle ich mich absolut zu Hause. Und Rock 'n' Roll: "Long Tall Sally" oder "Tutti Frutti" – da bin ich auch daheim.

Interview: Katrina Jordan

 Für Kurzentschlossene: Öffentlicher bayerischer Tanzabend mit Wolfgang Mayer heute im Wirtshaus Gallersöd bei Garching/Alz. Beginn ist um 20 Uhr.



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