Heimatliebe und Bodenständigkeit einen sie, doch haben der Trachtler und der Volksmusikant ein zuweilen zwiespältiges Verhältnis − Teil 5 der PNP-Serie
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Willi Osterholzer und Tochter Julia (11) fühlen sich wohl im traditionellen Gewand ihres Heimatvereins "Inntaler Buam", Tracht zu tragen ist für sie eine Selbstverständlichkeit. − Foto: Jackl
Willi Osterholzer und Tochter Julia (11) fühlen sich wohl im traditionellen Gewand ihres Heimatvereins "Inntaler Buam", Tracht zu tragen ist für sie eine Selbstverständlichkeit. − Foto: Jackl
Sanft wippt die Feder an seinem Hut, als sich Willi Osterholzer an den Küchentisch setzt, um sein Laptop aufzuklappen. Der 34-Jährige aus Aigen/Inn hat Routine im Umgang mit Medienvertretern entwickelt, die ihn dieser Tage häufig besuchen und zu seiner Ernennung als Volksmusikpfleger des Landkreises Passau befragen. Die PNP will wissen: Trachtler und Volksmusikant − ist das eigentlich dasselbe? Wo liegen die Abgrenzungen? Gibt es gar Konfliktpunkte? Der "Vollbluttrachtler", wie Willi Osterholzer sich in natürlicher Selbstverständlichkeit bezeichnet, ist nicht nur Volksmusikpfleger, 2. Vorstand des Aigener Trachtenvereins "Inntaler Buam" und Gaumusikwart des Dreiflüsse-Trachtengaus Passau, sondern auch von Kindesbeinen an mit der Volksmusik verbunden.
Tracht auch im AlltagSchon als Bub hatte er die Lederhose an; Willi Osterholzer trägt gern Tracht, auch im Alltag: "Ich bin stolz auf mein Gewand." Damit stehe der Träger zu dem Flecken, wo er daheim ist. Wenig Verständnis hat er für den "Fremdenverkehrstrachtler", der nur für den Heimatabend ins traditionelle Gewand schlüpft. Ebenso wenig Gefallen findet bei ihm der Volksmusikant, der im rotkarierten Hemd, kurzer Lederhose und feingewebten Socken, an denen am Ende noch Glocken baumeln, aufspielt. Für Osterholzer ist es "nicht richtig, wenn ein Musikant in Landhausmode auftritt und dies als Tracht bezeichnet wird". Auch er trage zwar ab und zu eine kurze Krachlederne, doch dann hat er "die richtigen Strümpfe an". Entscheidend sei, sich gemäß des Anlasses zu kleiden. Inzwischen trügen zwar die meisten Volksmusikanten zumindest "eine Art oberbayerische Tracht", doch auch die sei in dieser an den heutigen Geschmack angepassten Form nur eine Fantasietracht und habe nichts mit der originalen, individuell auf die jeweilige Region zugeschnittenen Tracht zu tun.
Warum die Orientierung an der oberbayerischen Tracht? Als Wiege der Trachtenbewegung gilt Oberbayern im Jahre 1883: In Bayrischzell wurde der "Verein zur Erhaltung der Volkstrachten im Leitzachtal" gegründet (Quelle: Historisches Lexikon Bayerns). Rasch folgten weitere Vereine auch über Oberbayern hinaus, die sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich der Pflege der Gebirgstracht widmeten. Hier gibt es eine Parallele zur Volksmusikpflege, die ebenfalls "lange Zeit auf alpenländisches Volkslied und Volksmusik konzentriert blieb". Die Rückbesinnung auf die heimische Tracht begann in den 1950er Jahren, und bis heute wird das Kleidungsverhalten innerhalb des Bayerischen Trachtenverbandes strikt reguliert.
Willi Osterholzer ist kein Rebell wider den Zeitgeist, im Gegenteil: "Wir Trachtler wollen nicht rückständig wirken", doch übt er sich dem kommerziellen Volksmusiker gegenüber in moderater Zurückhaltung, wenn der nur für seinen Auftritt in ein trachtiges Outfit schlüpft, sein Geld kassiert und schnell wieder abreist. Schließlich widerspreche dies exakt dem, wofür der Trachtler unter anderem einsteht: für den Erhalt angestammten Liedguts im Kreis der Familie, beim gemütlichen Beisammensein im Verein, im Hoagarten oder bei Maiandachten und Adventsingen. Die Volksmusikanten unter den Trachtlern grenzen sich daher "bewusst vom Schlager ab, den die Medien heute gerne als volkstümliche Musik anpreisen", gibt der Bayerische Trachtenverband seinen Mitgliedern unter "Aufgaben und Ziele in der Heimat- und Brauchtumspflege" vor. Leider würden sich aber "genügend Musiker finden, die für viel Geld und mit wenig Überzeugung diese Musik spielen" und somit ein falsches Bild vom Brauchtum überlieferten. In diesem Zusammenhang verneinten beispielsweise die Mittenwalder Schuhplattler vor einigen Jahren ihre Mitwirkung bei einer vom BR geplanten Fernsehsendung über bayerisches Brauchtum: Man habe genug von "volksdümmlichen" Sendungen, in denen Seppl-Klischees bedient werden. Auch die BR-Sendung "Wirtshausmusikanten", in der sich sowohl Vertreter der sogenannten echten Volksmusik als auch solche der Tradimix-Szene präsentierten, löste nach den ersten Ausstrahlungen 2006/2007 in Trachtlerkreisen monatelange Diskussionen aus. Eine solche Musik sei eine Schande, man würde sich schämen, in so einer Sendung mitzuwirken, zitiert Bezirksheimatpfleger Dr. Maximilian Seefelder die polemischen und diskriminierenden Reaktionen in seinem Referat "Volksmusik und Ideologie" und stellt fest: "Der unerschütterliche Glaube an eine echte Volksmusik, ein nach Statuten festgelegtes bodenständiges Gewand und saubere Haartracht garantieren nicht zwangsläufig auch kultivierte Menschen."
Derartige Intoleranz stößt auch bei einem Leib-und-Seele-Trachtler wie Willi Osterholzer auf Unverständnis. Jeder müsse wissen, was er wann machen − oder eben nicht machen kann. Damit dies von Anfang an bewusst ist, legen die Trachtenvereine großen Wert auf ihre Jugendarbeit, so auch die "Inntaler Buam". Jugendbetreuer werden speziell geschult. Das Bewusstsein für die eigenen Wurzeln und die Liebe zur Heimat sollen gestärkt werden. "Wir schauen auf aktive Heimatpflege", sagt Osterholzer. So werden Marterl restauriert, Kapellen gebaut oder, ganz aktuell, Hausinschriften fotografiert, um dann als Bilder einen Kalender zum 80-jährigen Bestehen des Dreiflüsse-Trachtengaus zu schmücken. Der Trachtenverein besorgt auch Instrumente, gründet Tanzgruppen und ermöglicht kostenlosen Musikunterricht.
Im Hause Osterholzer steht immer ein Instrument griffbereit. So schnappt sich der vierfache Vater die Steirische, wenn sein Jüngster nicht einschlafen will. "Jeder spinnt anders, und ich spinne halt mit der Musik und der Tracht", sagt Willi Osterholzer, "für mich ist das eine Sache, die aus dem Herzen kommt." Sabine Jackl
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