
Spielt dieses Mädel nun Stubenmusi, Tanzlmusi, Wirtshausmusi, einen Hoagarten oder ein Konzert? Möglich ist alles. − Foto: Jäger
Spielt dieses Mädel nun Stubenmusi, Tanzlmusi, Wirtshausmusi, einen Hoagarten oder ein Konzert? Möglich ist alles. − Foto: Jäger
Der klassische Musikliebhaber kennt genau eine Form, seine Kunst ohne Konserve zu erleben: das Konzert. Welche Armut! Sagt der Jazzer und verweist stolz auf seine Jam-Sessions, wo sich Musiker mischen, spontan Neues ausprobieren und erwartungslose Freiheit walten lassen können. All das gibt es in der Volksmusik ebenso, und noch erheblich mehr. Das Genre kann aus einem Reichtum an verschiedenen Formaten der Darbietung schöpfen, die auf nicht Eingeweihte geradezu wie böhmische Dörfer wirken können. Nach unserem zweiten Serienteil können Sie mitreden.
Sind Volksmusik und Konzert ein Widerspruch in sich?
Nein. Doch sprechen Volksmusikanten in der Regel nur dann von einem Konzert, wenn höchstens zwei Gruppen einen Auftritt bestreiten. Erst in den 20er Jahren begannen die Radiosender und "amtliche" Volksmusikpfleger, die einstigen Wirtshausmusikanten auf die Bühne zu heben, ihnen Mikrofone vor die Nase zu stellen (und sie durch die Moderatoren in die Rolle von stummen Musiklieferanten zu drängen). Auch machte es diese Aufnahmesituation überhaupt erst denkbar, Tanzmusik sitzend anzuhören statt zu tanzen.
Darf man mit Volksmusik Geld verdienen oder ist sie dann kommerzielle Popmusik?
Geld zu verdienen war historisch einer der Hauptgründe, warum es überhaupt Tanzkapellen gab und warum die Leiter möglichst viele Familienmitglieder darin unterbrachten. Wie bei einer frühen Jukebox bezahlten die Tanzpaare die Musikanten für ihre Wunschmusik − Gruppen, die bei diesem "Einstechen" nicht das Gefragte liefern konnten, hat der Markt unbarmherzig abgestraft. Heute verdienen geschätzte 80 bis 90 Prozent der Volksmusikanten kein Geld mehr mit ihrer Kunst. Ihr minimales Salär entspricht eher einer Aufwandsentschädigung.
Was ist der Unterschied zwischen Hoagarten, Sitzweil und Sänger-und Musikantentreffen?
Es gibt keinen − die drei Begriffe werden in der Regel gleichbedeutend verwendet für Volksmusik-"Konzerte", bei denen meist vier bis acht stilistisch breit gefächerte Gruppen auftreten. Entstanden ist der "Hoagarten", als sich Nachbarn zu Hause zu Kleinarbeiten wie Spinnen getroffen und dabei musiziert haben. Nach der Spezialisierung des Berufswesens fielen die Arbeiten weg, es blieb allein die Musik. Als historische Reminiszenz gibt es heute noch Veranstaltungen, zu denen ausdrücklich erwünscht ist, dass die Besucher Strickzeug etc. mitnehmen.
Gibt es auch Formen, bei denen Neues ausprobiert wird?
Auch als Gegenreaktion auf das eher strenge Hoagarten-Format haben sich seit den 80er Jahren die Musikantenstammtische gegründet, wo sich auch Gruppen mischen, die noch nie zusammen geprobt haben. In der Regel gibt es einen Wirt oder eine Stammgruppe, die dazu einlädt, andere Musiker und Publikum stoßen bei meist freiem Eintritt hinzu.
Ist die Tanzlmusi die Urform aller Volksmusikgruppen?
Ja und nein. Ursprünglich konnte jede Gruppe zum Tanz aufspielen, egal wie sie besetzt war. Aber erst, seit Georg von Kaufmann 1953 für seine Volkstanzkurse zusammen mit Sigi Ramstötter eine Gruppe mit Klarinette, Trompete, Posaune, Akkordeon und Kontrabass zusammenstellte und diese "Tanzlmusi" nannte, bezeichnet man damit kleine Kapellen, die in der Regel Blasinstrumente mitführen, zum Tanz spielen können und darum oft ein erheblich breiteres Repertoire aufweisen müssen.
Stirbt die Wirtshausmusik aus?
Das Wirtshaus ist die Keimzelle der Volksmusik, doch haben viele Wirte aus Rücksicht auf auswärtige Gäste die Musikanten (wie auch die Kartler) vertrieben. Durch die Moderatoren in der Volksmusik haben Musikanten ihre Entertainer-Qualitäten eingebüßt. Erst in jüngerer Zeit besinnt man sich wieder auf das energetische Unterhaltungspotenzial dieser Musik.
Stammt die Stubenmusi aus der Bauernstube?
Nein. Die Stubenmusi ist eine Erfindung von Tobi Reiser, der Musik für Zither, Hackbrett, Gitarre, Harfe und Kontrabass für die Bühne arrangiert und damit eine Standardbesetzung für Saitenmusik geschaffen hat, die oft imitiert wurde und im Berchtesgadener Land seine Entsprechung in den Schönauer Musikanten fand.
Haben die Preissingen etwas mit Volksmusik zu tun?
Startpunkte der heutigen Volksmusikpflege waren u.a. das Oberbayerische Preissingen 1930 in Egern und das Niederbayerische Preissingen 1931 in Landshut, bei denen Radio und Akademie der Wissenschaften Repertoire sichern und Protagonisten entdecken wollten − der Roider Jackl ist als Star ein Produkt dieser Zeit. Der Erfolg war überwältigend, Nachfolger auf regionaler Ebene wie der Zwieseler Fink 1939 gründeten sich, die Volksmusik begeisterte die Massen − was die gegensätzlichsten Kräfte und Institutionen erkannten: Musikpfleger nutzten die Wettbewerbe für die Außenwirkung, der Rundfunk richtete eigene Redaktionen ein. Und nicht zuletzt missbrauchten die Nazis das identitätsstiftende Potenzial der Volksmusik.
Bis heute ist dies neben der Kommerzialisierung (und in Verkennung von Wesen und Instrumentalierung) einer der Gründe, warum Volksmusik von vielen abgelehnt wird. Manche Gruppen und Veranstalter vermeiden darum bewusst das Wort Volksmusik und vervielfachen so ihr Publikum. Das kann man wahlweise bedauern oder die gute Nachricht heraushören, dass Volksmusik am meisten überzeugt, wenn nicht über sie geredet wird, sondern wenn man sie erlebt. Raimund Meisenberger
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