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Suchbild: Wo spielt hier die "echte Volksmusik"? Wandermusikanten mit Miesbacher Joppe aus dem Bayerwaldort Regen (links), Stubnmusikanten aus Holland in Niederbayern (mitte) und junge niederbayerische Volksmusikanten in einer Münchner Gaststube (rechts).  − Foto: rp

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Suchbild: Wo spielt hier die "echte Volksmusik"? Wandermusikanten mit Miesbacher Joppe aus dem Bayerwaldort Regen (links), Stubnmusikanten aus Holland in Niederbayern (mitte) und junge niederbayerische Volksmusikanten in einer Münchner Gaststube (rechts).  − Foto: rp


Auf der herzlichen Einladung zum "Hoagartn" wird uns "echte, bodenständige Volksmusik" angekündigt. Sofort baut sich im Kopf ein Bild auf von Sängern und Musikanten, die Tracht tragen, Hackbrett und Harmonika spielen und in urigem Ambiente Volksweisen singen, wie sie von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Doch der Schein trügt!



Unser Bild im Kopf hat noch keine hundert Jahre auf dem Buckel. Erst seit den 1920er Jahren werden durch die aktive Pflege von "Volksmusik" und "Volkslied" von offiziellen Organisationen Leitbilder entwickelt und unter die Leute gebracht. Verstärkt und überhöht durch Rundfunk und Fernsehen und inzwischen dankbar multipliziert und manifestiert von Vereinssatzungen, Grußwortrednern, Presseleuten und in erheblichem Umfang von den Akteuren selbst.



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Einträge zeigenI bin a Stoahaua
Das "Bauchgefühl" bestimmt die Diskussion


Mentale Konstrukte und das "Bauchgefühl" bestimmen die Definitionen und die Diskussion, die nicht selten ideologische Ausmaße annimmt. Manchmal muss man fast den Eindruck gewinnen, der ein oder andere Protagonist fürchtet um den Zusammenbruch seiner "heilen Welt", so vehement wird das "Naturwüchsige", das "Authentische", das "Echte" verteidigt. Schade − es geht doch "nur" um regionale Musik, die auf Traditionen fußt, die lebendig ist und die die Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen dem Anlass entsprechend begleiten kann.

Vielleicht rührt die Diskussion aber auch nur von einer gewissen Unkenntnis her? Dem kann abgeholfen werden. Hier einige der gängigsten Mythen.



Information


Linktipps, Notenblätter und Musikvideos gibt es hier:

Mythos 1
Ein "echtes Volkslied" kommt aus dem Volk. Es wird nicht bewusst komponiert, sondern entsteht durch das Zusammenwirken einer namenlosen Gemeinschaft.

Der Dichter und Philosoph Johann Gottfried Herder verwendet 1779 als erster den Begriff "Volkslied". Er veröffentlicht gesammelte Werke bekannter Autoren meist ohne Namensnennung und versieht sie mit dem Hinweis "Volkslied". Das betonte Vorurteil, diese Musik sei keinem eindeutigen Urheber zuzuordnen, führt schließlich dazu, dass das Konservieren, das Bewahren gegenüber der Weiterentwicklung klar bevorzugt wird. Selbst namhafte Volksliedschöpfer des 20. Jahrhunderts wie Wastl Fanderl stehen erst relativ spät zu ihren Werken, da lange Zeit Neugeschaffenes und "Selbstgestricktes" ausgegrenzt wird.

Auch auf dem Feld der Instrumentalmusik konnte längst nachgewiesen werden, dass ein großer Teil der Melodien in den Musikantenhandschriften des 19. und 20. Jahrhunderts – und damit die Hauptgrundlage – auf Abschriften aus Leipziger (!) Notendrucken besteht, deren Komponisten zu einem guten Teil ermittelt werden können.

Mythos 2

"Volksmusik" wird immer mündlich überliefert und kann eindeutig einer speziellen Region zugeordnet werden.

Längst stapeln sich in den Archiven die Musikantenhandschriften und Liederbücher, die von einer Verschriftlichung zeugen. Bereits seit dem 15. Jahrhundert werden Lieder durch Flugblätter mit hoher Auflage verbreitet, und die Verlage und Pflegeinstitutionen produzieren jährliche hunderte von Notenpublikationen.

Natürlich gibt es besondere regionale Musikspezialitäten, den ostbayerischen Zwiefachen beispielsweise oder die alpenländischen Gebirgsjodler oder die im 20. Jahrhundert entstandenen ortsspezifischen Heimatlieder − sie bilden aber eher die Ausnahme. Die regionale Verortung ist in der Regel ein reines Konstrukt. Es erwächst aus dem Streben nach Abgrenzung − das hörbar gewordene "Mia san mia!"

Mythos 3

Wahre Pflege ist das Bewahren des Althergebrachten. Für Neuerungen besteht weder Platz noch Bedarf.

Das Saxofon wurde 1840 in Frankreich erfunden und ist damit bedeutend älter als das 1927 vom Salzburger Musikanten Tobias Reiser und dem Instrumentenbauer Heinrich Bandzauner neu entwickelte chromatische Hackbrett, das heute u. a. die bayerische Stubnmusi-Szene dominiert.

Schon immer wird die "Volksmusik" – nicht nur das Instrumentarium – von Moden geprägt und erneuert, egal, ob die Klarinette den Dudelsack verdrängt (um 1775), der Walzer den Ländler (um 1800) oder die "Tanzlmusi" die Blechmusik (seit 1953). Traditionen sind alles andere als stabil, sie passen sich an – manchmal schleichend und nur unmerklich.

Noch zwei Beispiele: Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wird der "Wechselbass" üblich, der heute das unumstößliche Fundament jeder "Volksmusik"-Besetzung bildet. Abgelauscht wurde er den amerikanischen Jazz-Combos. Und auch das (mediale) Wirken so bekannter Ensembles wie des slowenischen Oberkrainer-Quintetts und Ernst Moschs Egerländer Musikanten haben längst in Satztechnik, Phrasierung oder Instrumentierung Niederschlag gefunden.

Auch wenn hier nur einige Aspekte des Mythos "Volksmusik" aufgegriffen werden können, so wird doch deutlich, dass Adjektive wie "echt", "bodenständig" und "unverfälscht" im Wesentlichen unangebracht sind. Was dagegen nicht in Abrede gestellt werden soll, sind der Unterhaltungswert, die Variabilität und die Lebendigkeit dieser Musik und ihrer Akteure! Roland PongratzDer Autor ist Kulturwissenschaftler, Dozent, Musiker, Festival-Veranstalter und Kulturbeauftragter des Landkreises Regen.



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