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28.12.2012  |  05:00 Uhr

Von Panda-Rappern und Pferde-Tänzern

Großer Rückblick: Im Popjahr 2012 war im wahrsten Sinne des Wortes "tierisch was los" − Die Toten Hosen liefern erfolgreichste Hymne

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Adele.  − Foto: XL Rec./Beggars

Adele.  − Foto: XL Rec./Beggars

Adele.  − Foto: XL Rec./Beggars


Wer in hundert Jahren aufgetaut, wiederbelebt und als erstes gefragt wird, an welche Musiker aus dem Jahr 2012 er sich erinnern kann, dem werden vermutlich auf Anhieb zwei Gesichter aus dem asiatischen Kulturkreis einfallen. Das eine ist etwas feist, hat einen schmalen Mund und sitzt auf dem gutgenährten Körper von Park Jae-sang, Kurzname Psy. Das 34-jährige Millionärssöhnchen aus Seoul in Südkorea hat mit seinem "Gangnam Style" den Ententanz für die Generation YouTube aufs Parkett gelegt, nur geht es bei ihm nicht um Enten, sondern um Pferde.

Sein im Juli erstelltes Video wurde mittlerweile mehr als eine Milliarde Mal angeschaut, das ist ein neuer Weltrekord und die Entthronung des bisherigen Spitzenreiters Justin Bieber. Logischerweise war der angeblich das hohle Luxusleben im Seouler Reichenviertel Gangnam verarschende und latent nervtötende Dancetrack auch so gut wie überall auf der Welt auf Platz eins.

Die braven Rapper sind wieder an der Reihe Der zweite Fernöstler, der von sich reden machte, hat seinen Lebensraum eigentlich auf der Schwäbischen Alb, er kommt aus Aalen und lebt in Stuttgart. Asiatisch ist an Carlo Waibel, 21, lediglich die Maske, findet man den Großen Panda doch vorrangig in den chinesischen Gebirgsprovinzen Sichuan, Gansu und Shaanxi. Carlo nennt sich Cro und hat mit seinem ersten Album "Raop" sowie fast schon schlagerähnlichen Stücken wie "Easy" oder "Du" sehr nachdrücklich bewiesen, dass man nicht mehr länger den Kopf einziehen muss, wenn einem ein deutscher Sprechgesangskünstler auf der Straße begegnet. "Ich bin ein lieber Rapper", sagt Carlo über sich selbst. Dank seiner immensen Niedlichkeit mögen den gelernten Mediengestalter und Cartoonisten nicht nur Teeniemädchen, sondern schon Grundschulkinder.

Psy.  − Foto: Universal

Psy.  − Foto: Universal

Psy.  − Foto: Universal


"Die braven Rapper sind jetzt wieder an der Reihe", glaubt Cro. Was sich auch am aufgeflackerten Erfolg der Althasen Max Herre und Die Fantastischen Vier zeigt, deren jüngste Alben beide auf Platz Eins einstiegen.

Im Rennen um das meistverkaufte Album des Jahres liefert sich Der Graf von Unheilig ("Lichter der Stadt") ein enges Duell mit Campino und seinen Toten Hosen ("Ballast der Republik"). Mit "Tage wie diesen" hatten die Hosen freilich auch den am Universellsten einsetzbaren Song des Jahres am Start. Egal, ob die Fortuna aufsteigt, das Bierzelt einlädt, EM ist oder es sonst einen Grund zum Grölen und Saufen gibt – diese verdammte Hosenhymne ist immer schon da. Selbst die alten Erzrivalen Die Ärzte, die mit dem Album "auch" unter ihren Möglichkeiten blieben, haben die Düsseldorfer abgehängt.

Cro.  − Foto: Delia Baum

Cro.  − Foto: Delia Baum

Cro.  − Foto: Delia Baum


Konkurrenz für das Deutschpunk-Duopol kommt in Form von fünf jungen, trinkfesten und bestens gelaunten Chemnitzern. Kraftklubs Album "Mit K" ist ein echter Kracher und der wortwitzige Beweis, dass es im Osten nicht nur Silbermond gibt.

Ähnlich heimatverbunden wie Kraftklub gibt sich auch Wouter de Backer. Der Australier mit belgischen Wurzeln liebt sein Land so sehr, dass er seine mannigfaltigen musikalischen Ausrüstungsgegenstände wochenlang im brütend heißen Outback aufbaute und so nach den perfektesten Basstönen für seine Songs suchte. Wouter, der sich Gotye nennt, ist ein Musik-Nerd an der Grenze zum Kauz. Und da sein inhaltlich ziemlich ernüchterndes Trennungslied und Kimbra-Duett "Somebody That I Used To Know" zum, jedenfalls auf der Streaming-Seite "Spotify.com", meistgespielten und meistgehörten Song des Jahres avancierte, ist der 32-Jährige aus Melbourne jetzt ein Kauz mit Kohle.

Die Toten Hosen.  − F.: C. Meurer

Die Toten Hosen.  − F.: C. Meurer

Die Toten Hosen.  − F.: C. Meurer


Lana del Rey: Schade um den Vorschusslorbeer Die Kanadierin Carly Rae Jepsen belegt mit ihrem Kinderlied "Call Me Maybe" auf der Spotify-Liste Rang zwei und ist eher langweilig – wenn auch nicht annähernd so langweilig wie Lana del Rey. Die ist mit 26 ein Jahr jünger, wirkt aber doppelt so alt wie Jepsen, was auch daran liegen könnte, dass sie nur einen Gesichtsausdruck kennt, klar: den gelangweilten. Und dass sich ihre Lieder in hübsch anzuschauender visueller Verpackung vor den Sixties verneigen. Das war bei "Video Games" noch charmant, wird nun aber mit jeder neuen, sich nur marginal von der vorherigen unterscheidenden Single immer ermüdender. Schade um den Vorschusslorbeer.

Lana del Rey.  − Foto: Universal

Lana del Rey.  − Foto: Universal

Lana del Rey.  − Foto: Universal


Ein Trend 2012: Gesucht sind wieder Kanten, Ecken und Eigensinn. Zwar lassen sich die David Guettas (dessen "Titanium" ja irgendwie sogar ein cooler Song ist) und Rihannas so schnell nicht kleinkriegen, doch es gibt ganz oben in den Singlecharts jetzt auch Menschen wie Asaf Avidan aus Israel mit seinem "One Day". Oder wie die Schwedin Lykke Li, die uns mit "I Follow Rivers" den Sommer versüßte. Selbst verschrobene One-Hit-Wonder-Island-Schrate wie Of Monsters And Men haben Erfolg, während Konventionelles wie Madonna oder No Doubt ziemlich untergingen und ein Robbie Williams mit seiner unausgegorenen Comebackplatte wie ein müder Abklatsch des frischeren Landsmanns Olly Murs klang.

Gotye.  − Foto: Warwick Backer

Gotye.  − Foto: Warwick Backer

Gotye.  − Foto: Warwick Backer


An die wohl nachhaltigsten Neuzugänge im vorderen Poprockfeld wird uns dann im Februar die Grammy-Verleihung noch einmal erinnern. Jeweils sechsmal nominiert sind unter anderem Fun. und Mumford & Sons. Nate Ruess, Andrew Dost und Jack Antonoff machen nicht erst seit gestern cleveren Pop, doch mit ihrem herrlich überkandidelten Lied "We Are Young", das durch die Highschool-Chor-Serie "Glee" populär wurde und von einer ausufernden Saufnacht handelt, stiegen Fun. dieses Jahr zu einer Art kulturellem Massenphänomen auf. Mumford & Sons machen Folkrock, eigentlich nichts Besonderes, geschweige denn Spektakuläres − aber geschmeidig.

Und die Erfinderin des "Ich-mach’-mir-nichts-aus-dem-ganzen-Käse"-Genres? Adele Adkins ist mittlerweile 24, hat heuer den Unternehmer Simon Konecki geheiratet und im Sommer einen Sohn geboren. Ganz kurz war sie auch im Studio und hat den Titelsong des aktuellen James-Bond-Films "Skyfall" eingesungen. Man kann also getrost sagen, dass Adele weniger omnipräsent war als im Vorjahr. Zum zweiten Mal in Folge ist Adeles "21" aber das weltweit gesehen meistverkaufte Album des Jahres. Steffen Rüth



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