
Sogar an die Portion Sex-Appeal hat der Kulturwald gedacht: Die "Drei Damen" (von links) Nina Kaiser, Sigrun Maria Bornträger und Anne Hartmann versuchen Tamino (Corby Welch, links) und Papageno (Thomas Bauer, rechts) für sich einzunehmen. − Foto: Manuel Birgmann
Sogar an die Portion Sex-Appeal hat der Kulturwald gedacht: Die "Drei Damen" (von links) Nina Kaiser, Sigrun Maria Bornträger und Anne Hartmann versuchen Tamino (Corby Welch, links) und Papageno (Thomas Bauer, rechts) für sich einzunehmen. − Foto: Manuel Birgmann
Das hätte auch schief gehen können. Gewaltig schief. Drei Tage, Montag, Dienstag, Mittwoch nur, hatte das Gesamtensemble geprobt, am vierten stellten sich Orchester, Chor und Solisten bereits dem Publikum in einer öffentlichen Generalprobe − weil die drei Vorstellung längst ausverkauft, die Anfragen aber unzählig waren. Drei Tage für Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel "Die Zauberflöte". Da ist weniger zu befürchten als schon fast sicher damit zu rechnen, dass szenische Übergänge zu unfreiwillig gedehnten Kunstpausen werden, dass die Musik daherschaukelt und die Inszenierung spricht: Lasst Milde walten, ich bin eine Notlösung!
Trampelgewitter und stürmische Bravochöre Nichts davon wird wahr bei der Premiere auf dem Kulturwald-Festival, das sich im vierten Jahr an seine erste Opernproduktion gewagt und statt der Katastrophe einen unerhörten Triumph eingefahren hat. Trampelgewitter und stürmische Bravochöre nach einer ungekürzten, tief charmanten und musikalisch wunderbar schmackhaften "Zauberflöte". Im Stadl wohlgemerkt, das Orchester in den neu geschaffenen seitlichen Anbau geschlichtet, die Musiker umrahmt von Geweihen und ausgestopftem Wildsaukopf. Eingespielt hat man sich zuvor im Hofladen zwischen Hirschsalami, Bayerwaldschnaps und Marmelade.
Das Rustikalambiente des Spielorts macht sich die Münchner Regisseurin Doris Heinrichsen für ihr Konzept zunutze und stiftet so harmonische Identität zwischen dem Wildhof draußen und der Bühnenhandlung: Papageno, verwurzelter Waidler, spricht Dialekt, mampft Wurst am Stück und beschimpft Sarastros Wächter: "Behandelt ma alle Leut so bei euch? Dann wird’s da nix mit ’m Tourismus."
Glücklicherweise wahrt Heinrichsen (bis auf Ausrutscher wie eine Bärwurz-selige Arie) gemessene Distanz zum Bauernschwank und führt unaufgeregt dezent durch das Stück, das sie mit kurzweiligen, erfrischenden und schlank zu realisierenden Ideen spickt: Wie aus einer anderen Welt herbeigezaubert bezirzt Yanping Tu als Papagena ihren Papageno auf Chinesisch, und siehe da, er versteht jedes Wort. Die nur zehnköpfige, aber mächtig singende Max Reger Vereinigung (vor allem der Männerchor zeigt sich herrlich homogen, geschmeidig und punktgenau) wird in Putzfrau-und-Hausmeister-Montur zum Requisitienschieben eingespannt. Und die Königin der Nacht tritt mit einem leibhaftigen schwarzen Pferd durchs Tor: So schafft man königliche Aura.
So wohlig ist dieser "Adalbert-Stifter-Stadl" mit seinen alten Balken und seiner wundersam warmen Akustik, dass eine gemalte Rückwand als Bühnenbild voll ausreicht: Aus einem Totenschädel wächst da scherenschnittartig ein Baum, um den sich Eisvogel, Schmetterling und wieder Hirsch scharen. Dazu das minimalistisch-wirkungsvolle Licht, Kostüme vom Trachtenanzug für Sarastro bis zum Drei-Engel-für-Charlie-Lederlook für die "Drei Damen" − mehr braucht diese "Zauberflöte" nicht an Drumherum.
Denn den Rest besorgt die Musik. Und das tut sie ganz exzellent: Noam Zur leitet hingebungsvoll die junge Kammerphilharmonie Frankfurt: ein feiner, frischer, nuancenreicher Orchesterklang voller Musikalität und Sensibilität. Das Solistenensemble dominiert US-Tenor Corby Welch als Tamino, der sich vom Pollunderstreber zum Prinzessinnenretter mausert, sich klangschön frei in welche Höhe auch immer schwingt und Mozart gehörig in Richtung Verdi schiebt, ohne grob zu werden. Nadine Lehner zeigt als aufgebrezelte Landhausmoden-Pamina einen schlanken Sopran mit staunenswerten Präzisionskoloraturen, der ukrainische Bass Taras Konoshchenko lässt als profund vibrierender Sarastro die Zeit vergessen, und die "drei Knaben" Naomi Hielscher, Juliane Fels und Katharina Weber machen ihren Job so bezaubernd wie sängerisch klasse.
Etwas sehr zart klingt dagegen der Monostratos des Tenors Marc Megele, überaus dramatisch und an diesem Abend nicht ganz intonationssicher zudem Sara Hershkowitz als Königin der Nacht. Kulturwald-Chef Thomas Bauer leiht dem Papageno seinen voluminösen Prachtbariton, seine Lust an der Wortgestaltung und seine Spielfreude, die ihn mitunter zu einem Scherz in Richtung Ehrengäste zu viel und zu einem Blick zum Dirigenten zu wenig verleitet. Doch wer das hier auf die Beine gestellt hat, der darf am Premierenabend auch einmal dem Orchester davoneilen. Wir warten auf die Wiederaufnahme 2012!
Raimund MeisenbergerMehr zum Thema lesen Sie am 5. September im Feuilleton der Passauer Neuen Presse.
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