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Herz und Hirn bewegt die "Gebrauchsanweisung für die Welt" des Altöttingers Andreas Altmanns in verführerisch schöner Sprache.

Am Anfang steht die Einsamkeit. Muss die Einsamkeit stehen, denn das Buch heißt nicht "Gebrauchsanweisung für zwei Wochen Cluburlaub mit Vollpension". Das Bucht ist ein Brevier für Reisende statt Touristen, für solche, die keine Angst vor zugefrorenen Wasserhähnen in Sibirien haben und sich in der Fremde der peruanischen Bergwelt lieber vertrauensvoll die blasengeschundenen Füße verarzten lassen statt in umzäunten Beachclubs unter Aufsicht die Zeit totzuschlagen. Reisen heißt bei Andreas Altmann allein reisen und als "Einzeltäter" die vielleicht aufreibenderen, aber auch intensiveren Erfahrungen zu machen. Die "rutschfeste Strampelhose" bleibt also im Schrank, die Standleitung nach Hause gekappt, wohlgemerkt auch die per Twitter und Facebook.

Nach seinem wütenden "Das Scheißleben . . .", in der er das Trauma seiner von Gewalt geprägten Kindheit erzählt, hat der gebürtige Altöttinger nun ein gar philosophisches Buch vorgelegt, das nichts als versöhnlich ist mit dem Gegenstand seiner Betrachtung, der Welt. Der Reiseschriftsteller, mit Wohnheimat in Paris, präsentiert angewandte Lebensweisheit aus zig Reisen von Kinshasa, Kapstadt bis Kabul. Dabei begeht er nie den von ihm selbst verabscheuten Fehler vieler Reiseliteraten, die "als Detailhuber" mit überflüssigen Informationen "deprimieren" oder mit "abgestandenem Small Talk mit Taxifahrern Authentitizät" vortäuschen. Nein, Andreas Altmann hat destilliert, die Erlebnisse, die er klar in Kapiteln gliedert in "Magische Momente", "Tricks", "Drogen", "Wetter" oder "Eros", nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich in geschliffenste Form gebracht.

Durchscheinende Reise-Botschaft aller Kapitel ist eine manchmal gestrenge: Nicht der Lust der permanenten Zerstreuung nachgeben, weil das Seichte nie herausfordert und den "Trotz-Muskel" verkümmern lässt, weniger anfällig für den "billigen Budenzauber" sein und bitte nicht alles fotografieren wollen. "Ein paar Minuten leidenschaftlicher Wirklichkeit zählen heftiger als tausend Bilder." Altmann ist nicht nur erklärter Feind der Floskel ("Ein Bild sagt mehr als tausend Worte"), sondern überhaupt der Belanglosigkeit und "Tristesse der Vorhersehbarkeit". "Ah die Routine, sie ist die gefährlichste aller Gifte", wittert er und verurteilt es, wenn Menschen hartnäckig ihre Jahre vertrödeln, "vom Sicherheitswahn gewürgt" und "in soliden Ängsten eingerichtet". So nicht mehr etwa jene, denen er unmittelbar nach dem Tsunami in Thailand begegnet: "Wie wunderbar einsichtige Kinder redeten sie."

Die Gebrauchsanweisung ist kein Anstandsbuch, nie moralsatt und gewiss keine Reiseanleitung zum politisch korrekten sich Fort-Bewegen. Dafür beschreibt er viel zu ausgekocht, wo man sich die gefälschten Führerscheine in Bangkok besorgen kann, in einer New Yorker Crack-WG nicht abstürzt oder am unwilligen mauretanischen Zollbeamten vorbeikommt, kurz: wie man "die launische Geliebte" namens Welt erobert, ohne ihr die eigenen Bedingungen aufzudrücken. Denn das verzeiht die Liebe nie.

Nur eine Bedingung sei gestattet: Auf Empfang gestellt sein für die Welt, ihr zugewandt, das kann nur der, der sich unbewacht auf den Weg macht und das Gespenst Einsamkeit nicht fürchtet. "Ohne das, verdammt, geht es nicht." Mit Büchern gegen die Einsamkeit wappnen, ist aber ausdrücklich erlaubt.Mirja-Leena Klein Piper, 224 Seiten, 14,99 Euro

 Lesung in Burghausen am 9. November um 19.30 Uhr im Jazzkeller Mautnerschloss (Grüben 193). Karten: 08677 / 63124








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