

von Petr Jerabek
Lesenswert (0)So hatte Edmund Stoiber sich das nicht vorgestellt. Drei Jahrzehnte lang hatte der CSU-Politiker die bayerische und deutsche Politik entscheidend mitgeprägt und wollte sie auch weiter gestalten, als ihn die eigenen Parteifreunde aus den Ämtern drängten. Genau fünf Jahre nach seinem Rückzug als CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident veröffentlicht er nun seine Erinnerungen: Heute erscheint sein Buch mit dem Titel "Weil die Welt sich ändert".
Mit Spannung erwartet wurde insbesondere Stoibers Schilderung der Umstände seines Sturzes bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion 2007 in Kreuth. Dort war deutlicher Unmut über den Parteichef laut geworden. Als sich dann der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein und Wirtschaftsminister Erwin Huber einigten, Stoiber als Doppelspitze zu beerben, kündigte er seinen Rückzug an.
Stoiber trägt überraschenderweise jedoch wenig zum Verständnis der Ereignisse bei. Während Beckstein 2011 in einem Buch seine Sicht auf den Sturz dargelegt und sich gegen Darstellungen gewandt hatte, es habe einen "Putsch" gegeben, verzichtet Stoiber auf eine Schilderung seines Rückzugs. "Natürlich kenne ich die Erwartungen an dieses Buch, aus dem Kreuther Nähkästchen zu plaudern. Nur: Viel ist nicht drin in diesem Nähkästchen, war doch die Öffentlichkeit Zeuge und in diesen Tagen des Januar 2007 gewissermaßen live dabei", schreibt er. "Und im Interesse unserer Partei liegt es mit Sicherheit nicht, die damaligen Diskussionen noch einmal auf die Bühne zu holen." Stoiber geht weder auf die Gründe für den damaligen parteiinternen Unmut über ihn ein, noch erwähnt er die frühere Fürther Landrätin Gabriele Pauli, deren Bespitzelungsvorwürfe seinen Sturz zumindest beschleunigt hatten.
Seinen überraschenden Verzicht auf ein Ministeramt im Bundeskabinett im Jahr 2005 erläutert Stoiber ausführlicher, ohne jedoch wesentlich Neues zu schreiben. Am Ende habe sich bei ihm die Erkenntnis durchgesetzt, "dass ein CSU-Vorsitzender, der zugleich bayerischer Ministerpräsident ist, nicht nach Berlin gehen sollte, sondern für die CSU und Bayern außerhalb der Kabinettsdisziplin mehr bewirken kann".
Es geht nicht um schmutzige Wäsche Stoiber geht es bei seinem Buch nicht um Enthüllungen, er will keine schmutzige Wäsche waschen. Vielmehr steht die Würdigung seiner eigenen Lebensleistung im Vordergrund. Chronologisch schildert er seine politische Laufbahn: Landtagsabgeordneter, CSU-Generalsekretär und enger Mitarbeiter von Franz Josef Strauß, Innenminister, Ministerpräsident, CSU-Vorsitzender, Kanzlerkandidat. Immer wieder streut er kurzweilige Anekdoten ein, charakterisiert Mitstreiter und Gegenspieler, beschreibt aber auch ausführlich politische Erfolge im Freistaat. Viel Platz widmet er seinen Auslandsreisen.
Zugleich lässt Stoiber keinen Zweifel daran, dass er sich selbst längst nicht zum alten Eisen zählt und vor politischem Gestaltungswillen sprüht. So ist das 320 Seiten starke Buch kein reiner Erinnerungsband − der CSU-Ehrenvorsitzende befasst sich auch mit aktuellen Themen und Zukunftsfragen: von der Euro-Krise über die Herausforderung der digitalen Welt bis zur Zukunft der Demokratie. Der 70-Jährige bastelt mit diesem Buch am eigenen Mythos eines visionären Ausnahmepolitikers. − dapd
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