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08.05.2012  |  05:00 Uhr

Roadmovie durchs Dreiländereck

Bernhard Setzwein legt mit "Der neue Ton" den Abschluss seiner betörend-anregenden Mitteleuropa-Trilogie vor

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Endlich bewegen sich die Menschen aufeinander zu. Zumindest in diesem Roman.  − F.: lichtung

Endlich bewegen sich die Menschen aufeinander zu. Zumindest in diesem Roman.  − F.: lichtung

Endlich bewegen sich die Menschen aufeinander zu. Zumindest in diesem Roman.  − F.: lichtung


Da sind sie wieder − endlich. Bohumila Katlecova, der "Tiger von Äschnapur", die legendäre Wirtin der "Grünen Jungfer" aus Hlavanice, Bürgermeister Vancura, der deutsche Staubsaugervertreter Helmut Lober, dem seine Freundin Franziska hinterherfährt, und die Bacherin, die österreichische Bildhauerin, deren alter rosafarbener Mercedes gemächlich durchs Land tuckert und eine ganz besondere Rolle spielt in Bernhard Setzweins neuem Roman "Der neue Ton", bringt er doch letztlich die Akteure an den jeweils richtigen Ort.

Das Land der Handlung ist einmal mehr das bayerisch-böhmisch-österreichische Grenzgebiet, das die Mitte Europas ausmacht und dessen Identität der in Waldmünchen lebende Autor so stilsicher wie unverwechselbar in seine Texte einschreibt.

"Ir sult sprechen willekomen: der iu maere bringet, daz bin ich. Allez daz ir habt vernomen, daz ist gar ein wint: nu fraget mich." Peter Rühmkorf hat diese Verse von Walther von der Vogelweide so übertragen: "Ihr dürft mich willkommen heißen! Was ich mitbring, ist der neue Ton. Eure hier bislang bekannten Weisen sind nur heiße Luft − was ist das schon." So heißt der neue Roman "Der neue Ton". Nun, es ist der alte Setzwein-Ton, der doch so wohltuend sich abhebt von so manch anderem.

Der neue Ton Walthers bemächtigt sich der Menschen im Dreiländereck. Sie spüren, Europa ändert sich und das verändert die Menschen. So wie der Vertreter Lober alle Enge hinter sich lässt und ankommt bei sich, kommen die unterschiedlichsten Individuen sich näher. Die Schlagbäume sind längst weg, jetzt aber bewegen sich die Menschen endlich aufeinander zu und bilden neue Allianzen. So findet im österreichischen Waldviertel auf dem Gutshof von Hans Hlavatschek ein Treffen statt, auf dem der Sänger Walther wieder in den Blickpunkt gerät. Denn der Graf Hlavatschek aus dem Nest Brudern mit seiner französischen Frau ist der neue Besitzer von Schloss Hlavanice. Und als solcher soll er das Schloss nicht nur wieder aufbauen, sondern auch beleben. Wenn es nach Vancura geht, dann mit dem Museum zur Geschichte der Böhmischen Masse. Chronist Bohumil Cerny hat die tollsten Sammelideen: vom Fingernagel von der Hand Jan Masaryks über eine Borste aus Kafkas Haarbürste hin zum Haar aus dem Pelzmantel Walthers von der Vogelweide. Aber weil der Graf ein Verehrer Walthers ist, könnte es auch ein "Walther-von-der-Vogelweide-Begegnungszentrum" sein, meint der bayerische Bauunternehmer Zacherias Multerer, der den Auftrag ergattern will und mit seiner Gattin das Dreiländereck durchfährt. Ein Roadmovie der ganz anderen Art erzählt Setzwein hier. Er zeichnet liebevolle Porträts von Landschaften wie Menschen, die unterwegs sind − zueinander: "Wir alle sind immer nur nichtsahnend auf dem Weg nach Hause."

Die Geschichten sind prall gefüllt mit literarhistorischen Anekdoten, wie könnte es anders sein im Stifter-Walther-Hrabal-Land, wie könnte es anders sein bei diesem Autor, der so unaufgeregt anregend sein Wissen, seine Zuneigung zur kulturellen Mitte Europas ausbreitet. Da darf man auch mal eine Träne rausdrücken, wenn man miterlebt, wie sich Bohumilas Lebenslauf rundet, nachdem sie dem Altersheim entkommt und ein letztes Mal den Kochlöffel schwingt, entführt von Vancura auf dessen altem Moped. Einst haben sie die Hlavanicer Lebensgespräche miteinander geführt. Nun holen sie die Ernte ein − und mit ihnen Bernhard Setzwein, dessen Erzählstrom den Leser bannt und mitnimmt in die große nahe weite Welt. Stefan Rammeredition lichtung, 260 S., 19,80 Euro



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