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 Berlin.

DIW-Chef Gert Wagner.   − dpa

DIW-Chef Gert Wagner.   − dpa

DIW-Chef Gert Wagner.   − dpa


Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht sich für großzügige Lohnerhöhungen aus. "Deutschland hat unter seinen Verhältnissen gelebt", sagte DIW-Chef Gert G. Wagner im PNP-Interview.

Wie stark sollten die Löhne 2012 steigen, welche Steigerungsrate ist angemessen und verkraftbar?

Wagner: Der Maßstab für die angemessenen Lohnerhöhungen ist die mittelfristige Produktivitätsentwicklung plus mittelfristige Inflation. Gemessen daran kann sich die deutsche Volkswirtschaft im Schnitt sicherlich dreiprozentige Lohnerhöhungen leisten. Allein die Inflationsrate wird 2012 knapp 2 Prozent betragen. Einige Branchen werden über dem Wert von 3 Prozent Lohnzuwachs liegen, einige darunter. Ein kräftiger Schluck aus der Pulle ist angemessen.

Sind die Risiken der Euro-Krise kein Argument für Lohnzurückhaltung?

Wagner: Nein, im Gegenteil: Eine Ursache für die Euro-Krise sind die Ungleichgewichte der Zahlungsbilanzen. Deutschland erwirtschaftet mit seiner Niedriglohnpolitik seit Jahren einen hohen Außenhandelsüberschuss und bringt andere Länder in ein Defizit. Durch die niedrigen Löhne ist der Konsum in Deutschland sehr schwach gewesen, da die Lohnentwicklung insbesondere im unteren und mittleren Bereich jetzt seit einem Jahrzehnt sehr schleppend ist. Das heißt, dass die Gewinne der Unternehmen gestiegen sind. Und diese Gewinne müssen angelegt werden. Wenn die Binnennachfrage niedrig ist, sind Auslandsinvestitionen und Anlagen in Finanzprodukte eine Alternative. Immobilienblasen erklären sich zum Teil aus diesen überschüssigen Geldern in Deutschland. Griechenland hat ganz gewiss über seine Verhältnisse gelebt, Deutschland jedoch unter seinen Verhältnissen. Auch mit deutschen Überschüssen ist die griechische Krise mit ermöglicht worden.

Höhere Löhne in Deutschland wären in dieser Logik ein Beitrag zur Stabilität der Euro-Zone?

Wagner: Ja. Wenn Deutschland seine Überschüsse nicht abbaut, kommen Länder, die jetzt mehr importieren als exportieren, nur durch Fernhandel aus der Krise heraus. Und das würde dauern. Höhere Löhne sind ein Beitrag zum Abbau des deutschen Exportüberschusses. Es stimmt zwar, dass sich die Binnennachfrage in Deutschland sich zuletzt gut entwickelt hat, weil die Arbeitslosigkeit gesunken ist. Das führt insgesamt zu mehr Einkommen und mehr Vertrauen in die Zukunft. Die Schwäche der gesamtwirtschaftlichen Konsumnachfrage ist jedoch nicht grundsätzlich beseitigt. Sie ist durch die über Jahre hinweg zu niedrigen Lohnsteigerungen begründet.

Die Arbeitgeber argumentieren, gerade die Lohnzurückhaltung habe die Wirtschaft krisenresistent gemacht.

Wagner: Wenn die Lohnerhöhungen sich ab jetzt wieder analog zum Verteilungsspielraum – also mittelfristigen Produktivitätsfortschritten plus Inflationsraten – erhöhen, sind die bisherigen Vorteile nicht dahin. Im Übrigen: Die Krisenfestigkeit resultiert nicht allein aus niedrigen Löhnen. Die Belegschaften waren so ausgedünnt, dass die Arbeitgeber mit Entlassungen gezögert haben. Das Kurzarbeitergeld hat diesen stabilisierenden Prozess unterstützt. In vielen Betrieben gibt es inzwischen auch Arbeitszeitkonten, die Flexibilität beim Arbeitseinsatz erlauben: Im Boom werden Überstunden angesammelt und bei einem vorübergehenden Nachfragerückgang dann abgebaut. Das ist in Zusammenarbeit von Unternehmen und Betriebsräten eine viel pfiffigere Strategie als die auf Konfrontation angelegte angelsächsische "Hire-and-Fire"-Mentalität.

Das Interview führte

Christoph Slangen.












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Copyright © Passauer Neue Presse 2012
Dokument erstellt am 2011-12-29 01:41:57






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