
Wolfram König.
Wolfram König.
Die Folgen der Atomkatastrophe in Japan lassen sich nach Ansicht des Präsidenten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, nicht überblicken. Im PNP-Interview sieht er dennoch keinen Grund für eine Panik in Deutschland.
Die Bundesregierung stellt die Atomkraftwerke in Deutschland auf den Prüfstand und setzt die Entscheidung zur Laufzeitverlängerung aus. Eine richtige Entscheidung?
Wolfram König: Das ist Sache der Politik. Wir beraten die Bundesregierung fachlich. Die Sicherheitsstandards der Atomanlagen in Deutschland haben konkrete Risikobewertungen als Grundlage. Solche Einschätzungen sind das Ergebnis komplexer Debatten in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Jetzt wird es eine Neubewertung geben. In Japan sind alle davon ausgegangen, dass es nie ein Erdbeben mit einer Stärke von 9,0 geben würde. Doch die Natur hat sich nicht daran gehalten.
Ist Fukushima das zweite Tschernobyl?
König: Nur die Experten vor Ort haben das vollständige Bild. Ferndiagnosen sind immer schwierig. Die Situation ist weiter nicht unter Kontrolle. Die Folgen lassen sich nicht absehen. Die Bevölkerung in Japan ist von den Schäden durch das Erdbeben und den Tsunami bereits schwer getroffen. Dennoch: Fukushima ist nicht Tschernobyl.
Handelt es sich nicht um den Super-GAU?
König: Die Experten vor Ort tun alles, um eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern. Wenn der Reaktorbehälter dem Druck von innen nicht mehr Stand hält und radioaktives Material in größeren Mengen frei würde, hätten wir es mit einem Super-GAU zu tun.
Ist eine Strahlenbelastung für die Menschen in Deutschland und Europa auszuschließen?
König: Ausschließen lässt sich nichts. Die Erfahrungen früherer großer Störfälle helfen uns, das Risiko einzuschätzen. Der Reaktor in Tschernobyl enthielt in seinem Kern direkt brennbares Material. Durch den Brand sind radioaktive Partikel sehr hoch in die Atmosphäre gestiegen und konnten sich so verteilen. In Japan ist die Situation anders. Dort geht es um Siedewasserreaktoren, die kein brennbares Material in ihrem Inneren haben. Für Deutschland und Europa ist nach dem jetzigen Wissensstand nicht mit hohen Strahlenwerten zu rechnen – dafür ist Japan zu weit weg.
Raten Sie den Menschen in Deutschland zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen?
König: Es gibt keinen Anlass für die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, Maßnahmen zum Gesundheitsschutz zu ergreifen. Wir sollten nicht in Panik verfallen. Nach allem, was wir wissen, ist hier eine nennenswerte Belastung von Umwelt und Atmosphäre mit radioaktiven Partikeln aus Japan nicht zu erwarten. Nach Tschernobyl haben die Behörden international ihren Informationsaustausch verbessert. Wir haben jetzt eine gute Grundlage. Unser Messnetz umfasst in Deutschland rund 1800 Messpunkte. Wir können die Quelle möglicher Emissionen ermitteln und exakte Vorhersagen zur Ausbreitung machen. Das ist die Basis für mögliche Schutzmaßnahmen. − F.: dpaInterview: Rasmus Buchsteiner
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