Von vielen Seiten kommt wegen früherer Äußerungen Kritik am Bundespräsidenten in spe
Lesenswert (0)Von Andreas Herholz

Theologe Friedrich Schorlemmer rät Joachim Gauck, seine Palette über das Thema Freiheit hinaus zu erweitern. − F.: dapd
Theologe Friedrich Schorlemmer rät Joachim Gauck, seine Palette über das Thema Freiheit hinaus zu erweitern. − F.: dapd
Berlin. Das überschwängliche Lob kommt von der falschen Seite, wirkt vergiftet und dürfte eher schaden. Ausgerechnet SPD-Mann Thilo Sarrazin, der Ex-Bundesbanker und Autor des umstrittenen Buches "Deutschland schafft sich ab" würdigt den Kandidaten Joachim Gauck, freut sich auf dessen Präsidentschaft. "Ich habe Achtung vor dem Mann und Respekt vor seiner Lebensleistung", revanchiert sich Sarrazin für Gaucks freundliche Worte über Sarrazins umstrittene Thesen über Migranten.
Der Bürgerrechtler hatte den Autor 2010 in einem Interview "mutig" genannt und muss sich dafür jetzt wieder nach seiner Nominierung deutliche Kritik anhören. Grüne, Migranten-Vertreter, Gewerkschaften, Linkspartei – immer mehr drückten gestern ihr Unbehagen über die Äußerungen des designierten Kandidaten aus und stellten seine Eignung als Staatsoberhaupt in Frage.

Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele ärgert sich über Gaucks Äußerungen zu Thilo Sarrazins umstrittenen Thesen.
Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele ärgert sich über Gaucks Äußerungen zu Thilo Sarrazins umstrittenen Thesen.
Nicht nur das Lob für Sarrazin, auch seine spöttische Kritik an der Occupy-Bewegung, seine Verteidigung von Hartz IV und die Haltung zur Vorratsdatenspeicherung sorgen für Widerspruch und Kritik. Gauck müsse sein Themenspektrum erweitern, fordert der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. "Es ist wunderbar, dass er das Loblied auf die Freiheit singt. Aber er müsste auch das Loblied auf die Gerechtigkeit singen, damit sich alle die Freiheit leisten können", so der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels.

Linkspartei-Vorsitzende Gesine Lötzsch glaubt, dass SPD und Grüne mit ihrem Kandidaten noch ein blaues Wunder erleben.
Linkspartei-Vorsitzende Gesine Lötzsch glaubt, dass SPD und Grüne mit ihrem Kandidaten noch ein blaues Wunder erleben.
Bedenken, die auch Kanzlerin Angela Merkel bei der Kandidatenkür am Sonntag im Kanzleramt und in der Telefonkonferenz mit dem Präsidium geäußert haben soll. Gauck sei nicht breit genug aufgestellt, habe nur das Thema Freiheit. Das allein reiche nicht, habe Angela Merkel nach Teilnehmerangaben gewarnt. Linken-Chefin Gesine Lötzsch sagt Union, FDP, SPD und Grünen bereits "ein blaues Wunder" mit ihrem Kandidaten voraus. SPD und Grüne hätten der Kanzlerin mit Gauck eine Falle stellen wollen und seien nun selbst hineingelaufen.
Murren und Mäkeln über den Kandidaten. Gauck müsse sich zu den Themen Occupy-Bewegung, Sarrazin und Kapitalismus erklären, fordert Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin wies die Bedenken zurück: "Herr Gauck ist nicht deswegen unser Kandidat, weil wir erwarten würden, dass er uns nach dem Mund redet." Doch Gauck schweigt, will offenbar vor der Wahl keine Interview- und Öffentlichkeitsoffensive wie noch bei seiner Kandidatur 2010. − Standpunkt S. 1
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