Nikolaus Harnoncourt und sein Concentus Musicus bei den EW in Passau
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Augen können reden: Harnoncourt (81) teilt seinen Msusikern gerade mit, wie sie spielen sollen. − F.: Scholz
Augen können reden: Harnoncourt (81) teilt seinen Msusikern gerade mit, wie sie spielen sollen. − F.: Scholz
Dirigieren wird überschätzt. Die wahre Masse an Arbeit, die wahre Kunstfertigkeit eines Maestros bleibt fürs Publikum unsichtbar, sie war längst wirksam (oder eben nicht), wenn er die Bühne betritt. Darum muss ein Typ wie der 81 Jahre alte Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt, kurz Nikolaus Harnoncourt, im Konzert sein Dirigat nicht inszenieren. Die Musiker seines 1953 gegründeten Concentus Musicus Wien wissen auch ohne dergleichen, wie sie zu spielen haben. Und warum. Und den Rest besorgt dieser durchbohrende Blick, in dem mehr Deutlichkeit und Nuancen liegen, als ein Taktstock je zeigen könnte.
Schwärmerisch und öffentlich bekennt Festspielintendant Pankraz von Freyberg, Harnoncourts Konzert in der Studienkirche sei ein „langgehegter Wunschtraum“, das Publikum in der ausverkauften und übervollen Kirche huldigt ehrfürchtig dem Dirigenten, der 1969 seine Festanstellung als Cellist der Wiener Symphoniker unter Karajan aufgab und die Musikgeschichte gründlich umgekrempelte, indem er die historisch inspirierte Aufführungspraxis von der Exotenveranstaltung zum (fast) allgemein gültigen Standard entwickelt hat − was sich nicht zuletzt auch im Programm der Europäischen Wochen 2011 spiegelt.
So hoch und klar die Erwartungen, so erfrischend macht sie Nikolaus Harnoncourt zunichte: Mit kurzen Ansagen zu seinem reinen Haydn-Programm − zu hören sind die Tageszeiten-Sinfonien Nr. 6 „Le matin“ (Der Morgen) Nr. 7 „Le midi“ (Der Mittag) und Nr. 8 „Le soir“ (Der Abend) sowie die Nr. 94 „Mit dem Paukenschlag“ − konterkariert er handstreichartig das nach besten Wissen erstellte Programmheft . . .
Herrschaften, bitte keine Routine! Heißt es dort, der erste Satz des „Mittag“ beginne festlich, so setzt er dagegen: „Es geht um die Hitze. Wie soll ich denken, wenn es so heiß ist?“ − und lässt die punktierten Viertel schwer schleppend statt majestätisch artikulieren: Schwüle im Hirn statt Festmahl. Heißt es im Programm, das Kontrabass-Fagott-Duett im „Morgen“ sei besonders humorvoll, so interpretiert er die Stelle prompt als ernsthaft-virtuoses Doppelkonzert. Herrschaften, bitte keine Routine!
Harnoncourt schlägt den höfischen Putz von Haydn ab, um zur Wahrheit seiner Musik vorzudringen, lässt ihn eine Spur rauer, durch die federnde Phrasierung auch schlanker, klarer klingen, das Menuett in der Paukenschlag-Sinfonie rumpelt dann gar wie ein rustikaler Walzer in der Dorfschenke daher. Und der Concentus Musicus spielt all das nicht nur mit Leichtigkeit präzise, sondern − und das macht seinen spezifischen Klangcharakter aus − ganz und gar organisch. Pointierte Tempi in beide Richtungen, Subito-Dynamikwechsel, sturzbachartige Läufe − alles geschieht ohne eine Spur Hektik, ausbalanciert und mit vorbildlicher Rücksicht auf die vielen kleinen Solopassagen. Jedes Detail ist da, und der Hörer mittendrin in einem risikofreudigen, fast möchte man sagen Musikantentum, in dem viel gelächelt wird beim Musizieren. Und wenn die Hörner dabei wirklich mal die Kontrolle verlieren? Na bitte, mir san ned im Porzellang’schäft, mir san im Konzert. Der Intendant wollte eine Sternstunde. Er hat sie gekriegt.Raimund MeisenbergerMehr Bilder vom Konzert sehen Sie unter www.pnp.de/kultur.
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