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Berlin/München  |  13.09.2012  |  12:22 Uhr

Ärzte wollen Praxen schließen

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 − Foto: dpa

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Im Honorarstreit mit den gesetzlichen Krankenkassen wollen niedergelassene Ärzte in großem Stil ihre Praxen geschlossen halten. Patienten müssen sich noch im September auf Praxisschließungen für eine begrenzte Zeit gefasst machen. Notfälle sollen weiterbehandelt werden.

Eine Urabstimmung unter den Medizinern habe eine eindeutige Mehrheit für solche Streikaktionen ergeben, verlautete am Donnerstag übereinstimmend aus Kreisen der Ärzteschaft. "Es ist ein ganz eindeutiges Votum", sagte ein Verbandsvertreter der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin.

Den Patienten droht damit, dass ein großer Teil der knapp 90 000 Arztpraxen zeitweise geschlossen bleibt. Die Proteste der Ärzte richten sich gegen die gesetzlichen Krankenkassen. Die Mediziner beklagen, dass geplante Honorarsteigerungen fürs kommende Jahr zu gering ausfielen. Getragen werden die Proteste vor allem von Fachärzten. Ihre Funktionäre werfen den Kassen auch ein Übermaß an Bürokratie vor.

Viele Hausärzte stehen den Protesten zögerlich gegenüber. Sie setzen auf Hausarztverträge mit einzelnen Krankenkassen. Hausärzte, die nicht durch solche Verträge gebunden sind, hätten sich an der Ärztebefragung aber auch beteiligt und für Streiks gestimmt, hieß es bei einem Verband.

Dietrich: Lautstarke Proteste schädigen das Ansehen der Mediziner

Der Spitzenverband der Kassen reagierte mit Unverständnis. "Kernproblem ist die Verteilungsungerechtigkeit zwischen den Arztgruppen", meinte der Verbandssprecher im Kurznachrichtendienst Twitter. "Streiks werden wohl kaum dabei helfen, dieses Problem zu lösen."

In den laufenden Honorarverhandlungen gab es bisher den Beschluss, dass die Ärzte aufgrund einer leichten Erhöhung der Preise für ihre Leistungen im kommenden Jahr 270 Millionen Euro mehr bekommen sollen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) war in dem Gremium vom Kassenverband und einem unabhängigen Vorsitzenden überstimmt worden und klagt derzeit gegen den Beschluss.

An diesem Samstag verhandelt das entscheidende Gremium, der Erweiterte Bewertungsausschuss, erneut. Es sollen noch mehrere hundert Millionen Euro dazukommen für die Anrechnung steigender Krankheitslasten in der Bevölkerung. Gefordert hatten die Ärzte 3,5 Milliarden Euro zusätzlich.

Während die KBV sich als Körperschaft des öffentlichen Rechts nicht an Streikaufrufen beteiligen wollte, organisierte eine wachsende Zahl freier Ärzteverbände die Proteste. Die Fäden dieser 30 Verbände laufen beim NAV-Virchow-Bund zusammen.

Nach Ansicht des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte beschädigen die lautstarken Proteste und Streikandrohungen das Ansehen der Mediziner. "Dass ein Berufsstand, der insgesamt gut verdient, sich so aufführt, ist schädlich für die gesamte Ärzteschaft", sagte der Vorsitzende Wulf Dietrich der dpa.

Dietrich kritisierte die Streikandrohungen. Die Ärzte wehrten sich sonst stets, als Angestellte der Krankenkassen betrachtet zu werden - doch Streiks seien gerade ein Mittel von Angestellten. Dietrich rief protestierende Ärzte dazu auf, ihren teils harschen Tonfall zu mäßigen.

Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung ermahnte streikbereite Ärzte, Schwerstkranke von Protesten auszunehmen. "Es wäre für uns nicht zu akzeptieren, wenn Schwerstkranke auf einem Anrufbeantworter ihres niedergelassenen Arztes landen", sagte Vorstand Eugen Brysch. "Deshalb müssen die Ärzte Patienten der Pflegestufe 2 und 3 oder in der Sterbebegleitung ausdrücklich aus dem Streik heraushalten."

Hintergrund: Einnahmen der niedergelassenen Ärzte

Spitzenreiter beim Umsatz der Ärzte aus dem Honorar von Behandlung und Diagnose gesetzlich Versicherter sind die Labormediziner. Sie erzielten nach den jüngsten Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im ersten Halbjahr 2011 pro Quartal einen Honorarumsatz von rund 230 000 Euro, gefolgt von Nierenspezialisten mit 224 000 Euro.

Strahlenmediziner, Humangenetiker, Fachärzte für Innere Medizin mit bestimmten Schwerpunkten und Radiologen folgen mit Werten zwischen 199 000 und 93 000 Euro. Kinder- und Jugendpsychiater erzielten 65 000 Euro Umsatz, Augenärzte 60 000, Chirurgen 57 000, Orthopäden 56 000, Hausärzte 52 000 und Gynäkologen 47 000 Euro.

Nach der jüngsten amtlichen Statistik lagen die Allgemeinmediziner mit einem durchschnittlichen Bruttoeinkommen von 116 000 Euro am unteren Ende beim Ärzteverdienst. Diese Erhebung des Statistischen Bundesamts für die Situation in Einzelpraxen im Jahr 2007 nennt die gesamten Einnahmen aus den gesetzlichen und privaten Kassen abzüglich der Aufwendungen in der Praxis, aber vor Steuern und Abgaben.

Spitzenreiter sind hier die Radiologen mit 264 000 Euro. Im Mittelfeld liegen etwa die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte (144 000 Euro), die Frauenärzte (145 000 Euro), die Chirurgen (148 000 Euro), die Hautärzte (155 000 Euro) und die Internisten (158 000 Euro).

Im Schnitt aller Ärzte waren es 142 000 Euro im Jahr 2007, nach 126 000 Euro vier Jahre zuvor. Laut Spitzenverband der Krankenkassen stieg der Ertrag bis 2011 auf 165 000 Euro. Auch das Bundesamt erhebt nun die Daten für 2011. Am 21. September 2012 werden die für die repräsentative Stichprobe ausgewählten Praxen dafür herangezogen. Mit Ergebnissen wird im Sommer 2013 gerechnet.

Und was bleibt? Das monatliche Nettoeinkommen der Kassenärzte von gesetzlichen und privaten Kassen beträgt laut KBV nach den jüngsten Zahlen im Schnitt insgesamt 5442 Euro. Einem Allgemeinmediziner blieben demnach im Schnitt 5018 Euro pro Monat, einem Orthopäden 6344 Euro, einem Psychotherapeuten dagegen nur 2658 Euro.

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für die vertragsärztliche Vergütung stiegen laut Bundesgesundheitsministerium von 33 Milliarden Euro 2010 auf 33,7 Milliarden 2011.

 − dpaMehr zum Thema am Freitag in der Passauer Neuen Presse.












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Copyright © Passauer Neue Presse 2013
Dokument erstellt am 2012-09-13 12:22:13
Letzte Änderung am 2012-09-14 07:14:33











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