von Christoph Kleiner
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Leises Anpirschen ist erstes Gebot für die mit Betäubungsgewehren ausgerüsteten Gut-Aiderbichl-Schützen. Teils 16 bis 17 Stunden pro Tag sind sie vor Ort im Einsatz. | Bild: Kleiner
Leises Anpirschen ist erstes Gebot für die mit Betäubungsgewehren ausgerüsteten Gut-Aiderbichl-Schützen. Teils 16 bis 17 Stunden pro Tag sind sie vor Ort im Einsatz. - Bild: Kleiner
Es sind regelrechte Wildwest-Szenen, die sich seit Tagen in den Wäldern der Gemeinde Zangberg (Lkr. Mühldorf) abspielen. Mit Gewehren bewaffnete Fußtrupps pirschen durchs Unterholz. Reiter preschen über den Waldboden. Geländewagen sind im Einsatz. Alles mit dem Ziel, eine entlaufene Kuh wieder einzufangen. Deren Freiheitsliebe sorgt nicht nur für ein wachsendes Medienecho − auch die Tierretter von Gut Aiderbichl sind mittlerweile vor Ort. Sie versuchen alles, um einen Showdown zu verhindern.
Zweieinhalb Monate ist es her, dass die Kuh Reißaus nahm und sich in den Wald nahe Ampfing verzog. Mehr und mehr verwilderte sie, wurde scheu wie ein Reh. Tagsüber blieb sie im Unterholz, erst in der Dämmerung trottete sie ins Freie.
Diesem für ein Rind untypischen Wildnisinstinkt ist es geschuldet, dass anfangs niemand wusste, wem die Kuh gehört. Keiner der Bauern in der Umgebung vermisste ein Tier. Erst ein Aufruf des Mühldorfer Landratsamtes zeigte Wirkung. Ein Landwirt aus Aschau meldete sich. Ihm war die Kuh Ende Mai vom Viehanhänger ausgebüxt.

Wilde Kuh im Kreis Mühldorf | Bild: dpa
"Yvonne" auf einem ihrer Streifzüge. - Bild: dpa
Weil sich das Tier lange Zeit von allem Menschlichem fernhielt und Straßen mied, zeigte sich das Landratsamt zunächst gnädig. Am Freitag aber nahm die Geschichte eine Wendung: Ausgerechnet vor einem Polizeiauto überquerte die Kuh eine Staatsstraße. Tags darauf wurde sie zum Abschuss freigegeben. "Die Situation ist einfach zu gefährlich", heißt es dazu bei der Ordnungsbehörde. Ein Unfall würde angesichts des Gewichts weitaus schlimmere Folgen haben als bei einem Reh. Setzte die Behörde in den ersten Stunden nach dem Vorfall noch auf eine Totalsperre der Straße, wurden am Samstagvormittag zwei speziell ausgebildete Jäger angewiesen, Jagd auf die Kuh zu machen und je nach Situation entweder zum Betäubungspfeil oder zur scharfen Munition zu greifen.
Noch vor den Jägern rückten auch 15 Tierschützer aus den Deggendorfer und Salzburger Gnadenhöfen von Gut Aiderbichl aus. Ihr Ziel: das Tier nach Niederbayern bringen. Dort soll es seinen Lebensabend ungestört auf dem Gnadenhof von Michael Aufhauser verbringen.
Rechtlich haben die Aiderbichler bereits alles unter Dach und Fach. "Wir haben Yvonne seinem Besitzer abgekauft", erklärt Aktionsleiter Hans Wintersteller. Den Namen hat die Kuh einer krebskranken Frau aus Frankfurt zu verdanken. Ihr größter Wunsch sei es, dass das sieben Jahre alte Tier überlebt, so Wintersteller weiter.
Bislang stehen die Chancen dafür nicht schlecht − schließlich ist der Aufwand, den die Tierschützer vor Ort betreiben, gewaltig. Weite Teile des Waldes haben sie mit einem Zaun umspannt. Drei Schützen mit Betäubungsgewehren sind im Einsatz, darunter ein Tierarzt. Das Landratsamt hat an der Straße zusätzlich Warnbaken und Signalleuchten aufgestellt und eine Tempo-30-Verordnung erlassen.
Doch obwohl die 15 Aiderbichler Yvonne schon mehrmals gesichtet haben, hat es zum Betäubungsschuss nicht gereicht. "Wir müssen bis auf 30 Meter rankommen und freies Schussfeld haben. Das ist im Unterholz wahnsinnig schwierig", sagt Tierarzt Markus Jereb. Zumal der Schütze auch bei guten Bedingungen nicht einfach drauflosballern könne, sondern einen Muskelstrang treffen muss. Bis die Wirkung der Narkose dann einsetzt, vergehen zehn Minuten − ein Risiko nicht zuletzt für den Straßenverkehr.
Probleme bereiten den Tierrettern mitunter auch die Einheimischen. Viele von ihnen können den Terz nicht nachvollziehen, der um die Kuh gemacht wird. Obendrein müssen sich Wintersteller und seine Helfer mit Schaulustigen herumschlagen. Eine der bislang günstigsten Situationen etwa hätten zwei Burschen aus der Umgebung versaut, die im Wald per Fotohandy Jagd auf die Kuh machten, so der 44-Jährige.
Dass es ihnen überhaupt gelingt, Yvonne wieder an Gatter und Stall zu gewöhnen, davon ist Hans Wintersteller überzeugt. "Das dauert ein halbes Jahr, dann ist sie wie ausgewechselt", sagt er und versichert, alles dafür tun zu wollen, damit die Sache für "Yvonne" gut ausgeht.
Im Zeitrennen läuft die Uhr dabei gegen die Aiderbichler. Nicht nur, dass die Jäger, die sich vorerst zurückhalten mit dem finalen Schuss, nicht ewig tatenlos zuschauen werden, es wächst auch das Risiko, dass die Kuh noch einmal die Staatsstraße überquert und einen Unfall verursacht. Die rechtlichen Folgen hätte dann laut Landratsamt Gut Aiderbichl zu tragen − schließlich gehört Yvonne jetzt dem Gnadenhof.
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