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vom 29.07.2010


Luft für Loveparade-Macher wird dünn




Zu wenige und in der Massenpanik völlig überforderte Ordner: Die Polizei erhebt
schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter der Loveparade, die
21 Menschen das Leben gekostet hat.

Von Petra Kaminsky
und Frank Christiansen


Nach den Vorwürfen von Loveparade-Macher Rainer Schaller gegen die Polizei ging deren Chef gestern in Düsseldorf in die Gegenoffensive. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) nimmt die Polizisten in Schutz und die Veranstalter in die Verantwortung. Die hätten ihr eigenes Sicherheitskonzept ausgerechnet im heiklen Eingangsbereich nicht umgesetzt. Für den Bereich seien sie ganz allein zuständig gewesen. Die Polizei habe nur versucht, das Schlimmste zu verhindern.
Die Loveparade wurde von der Lopavent GmbH organisiert. An ihrer Spitze steht der Fitness-Unternehmer Rainer Schaller. Er hatte hatte bisher betont, alle Auflagen der Behörden erfüllt zu haben. Nach seinen Angaben ließ die Einsatzleitung der Polizei alle Schleusen öffnen, wodurch der Besucherstrom unkontrolliert in den bereits fast überfüllten Tunnel gelangen konnte.
Die Polizei betonte nun, dies sei gegen 13.30 Uhr gewesen, als sich 20 000 zunehmend wütende Raver vor den Schleusen stauten, die nur zur Hälfte besetzt gewesen seien. Da sei das Gelände noch kaum gefüllt gewesen. Das Gelände sei auch statt um 10.00 oder wie geplant spätestens 11.00 Uhr erst kurz nach 12.00 Uhr geöffnet worden, berichtete der Inspekteur der Landespolizei, Dieter Wehe. Schon zu diesem Zeitpunkt hätten sich große Rückstaus an den Einlassschleusen gebildet. Am neuralgischen Punkt der Duisburger Loveparade, dem Eingangstunnel, lief es danach von Anfang an schief (siehe untenstehendes „Fehlerprotokoll“).

Morddrohungen gegen den Oberbürgermeister

Vergleichsweise glimpflich geht der SPD-Innenminister am Mittwoch mit der Stadt Duisburg um. Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) wird von Jäger gar nicht erwähnt. Auf welcher Grundlage die Stadt die Loveparade genehmigt habe, müsse sie selbst erklären, sagt Jäger. Aber der Satz hat es in sich: Durfte ein Konzept, das so leicht aus den Fugen gerät, überhaupt genehmigt werden? Darf man bis zu 250 000 Menschen in einem einzigen, schmalen Tunnel aufeinander zulaufen lassen? Nach Angaben von Wehe war „die maximale Durchlaufmenge“ im Tunnel 30 000 Menschen pro Stunde.
Kurz vorher hatte die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, dass sich Lopavent als Veranstalter mehrfach über Bedenken der Behörden hinweggesetzt haben soll. So hätten die Veranstalter in ihrem Sicherheitskonzept 150 Ordner für den Bereich der Rampe und des Tunnels versprochen. Vermutlich seien dann aber weniger Ordnungskräfte eingesetzt gewesen, schrieb das Blatt.
   Loveparade-Chef Rainer Schaller reagierte auf die Vorwürfe zurückhaltend: Diese müssten nun sehr genau geprüft werden, teilte er mit. Die Darstellung des Innenministers werfe „viele Fragen auf“. Inwieweit auch das Verhalten der Polizei die Situation mitverursacht habe, „wird die Staatsanwaltschaft herausfinden“. Diese sei im Besitz des Videomaterials der sechs Kameras im Tunnel- und Eingangsbereich.
Auf Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland wächst der Druck ebenfalls. Der CDU-Politiker will einem Zeitungsbericht zufolge nicht an der geplanten Trauerfeier am Samstag teilnehmen. Sauerland wolle „die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht provozieren“, sagte ein Sprecher der

Am Samstag bundesweit Trauerbeflaggung

Duisburger Stadtverwaltung. Die Zeitung „Rheinische Post“ zitierte zudem Polizeikreise, dass auch Sicherheitsbedenken zur Absage geführt hätten. Es seien Morddrohungen gegen Sauerland ausgesprochen worden. Sauerland wird angegriffen, weil er die Loveparade unbedingt in Duisburg haben wollte und das Riesenfest genehmigte.
Bisher sind 13 Frauen und acht Männer an ihren Verletzungen gestorben. Sie waren zwischen 18 und 38 Jahre alt. Mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Gestern lagen noch 25 Menschen in Krankenhäusern. Das sagte ein Sprecher der Kölner Polizei. Laut Staatsanwaltschaft schweben derzeit keine weiteren Menschen in Lebensgefahr. Die Massenpanik ist das nunmehr schwerste Unglück in Nordrhein-Westfalen seit fast 40 Jahren.  
Der ökumenische Gottesdienst soll am Samstag um 11.00 Uhr in der Duisburger Salvatorkirche stattfinden. Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel nehmen daran teil.  Den Gedenkgottesdienst für die Toten werden der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, leiten. Er ist auch amtierender Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ordnete zur Trauerfeier am Samstag bundesweit eine Trauerbeflaggung an. Inzwischen gab es erste private Trauerfeiern. In Münster nahmen Familie und Freunde in aller Stille Abschied von drei getöteten Studentinnen.
Politisch werden die Rufe nach Konsequenzen für künftige Großveranstaltungen lauter. So will das Land Nordrhein-Westfalen neue bundeseinheitliche Regelungen für solche Events erreichen. Das Bundesinnenministerium begrüßte den Vorschlag, Kommunen bei der Organisation von Großveranstaltungen zu helfen. Die Innenministerkonferenz von Bund und Ländern will sich mit dem Thema beschäftigen. -  dpa





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