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vom 28.06.2010


Zweimal Virtuosität

Europäische Wochen: Emma Kirkby und das Ensemble Musica Petropolitana in Aldersbach - Ewa Kupiec und Martina Filjak bei „Chopin-Nacht“ in Passau



„Es stand die Mutter schmerzerfüllt“ ist die Übersetzung der ersten lateinischen Textzeile „Stabat mater dolorosa“ aus jenem anonym überlieferten mittelalterlichen Gedicht, das durch zahlreiche Vertonungen in die Musikgeschichte einging. Auch der schon im zarten Alter von 26 Jahren verstorbene und dennoch zu Weltruhm gekommene italienische Barockkomponist Giovanni Battista Pergolesi vertonte diese traurigen Zeilen und vollendete seine Komposition im Jahre 1736 erst auf dem Sterbebett.
Bis heute widmen sich oft ganze Orchester und Vokalsolisten im großen Rahmen diesem berührenden Werk und dann kommen ganz einfach die fünf Instrumentalisten des russischen Ensembles Musica Petropolitana daher, tun sich mit der Sopranistin Emma Kirkby und dem Countertenor Michael Chance zusammen und präsentieren in der Aldersbacher Klosterkirche eine Interpretation, die zutiefst bewegt. Denn so unmittelbar, so transparent und so innig, wie das hier der Fall war, ist dieses Werk selten zu hören.
Die beiden Violinisten Dmitry Sinkovsky und Sergej Flitchenko, der Bratschist Pavel Flitchenko, der Violoncellist Dmitry Sokolov und die Cembalistin Irina Shneyerova entwickelten zusammen mit den beiden Vokalisten eine ausdrucksstarke Tiefe von Seltenheitswert. So schien es an der Stelle „Fac ut portem Christi mortem . . .“, ausgelöst durch die klagende Interpretation mit den langen Pausen, als trage die Musik allein schon das Kreuz. Aber nicht nur die Instrumentalisten, sondern auch Emma Kirkby und Michael Chance verliehen dem Text eine wundervoll berührende Tiefe. Was man da zu hören bekam, war wirklich ganz große musikalische Kunst.
Das zeichnete sich bereits vor der Pause ab, als die Ausführenden in wechselnden Besetzungen Arien aus Kantaten sowie Instrumentalwerke von Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi interpretierten. Wunderschön leidenschaftlich gelang dabei auch Vivaldis berühmte Sonate „La Follia“, die in ihren 19 Thema-Variationen neben den beiden Violinisten auch den Generalbass-Instrumentalisten einige Virtuositäten abverlangt. So war der intensive und lang anhaltende Schlussapplaus für den gesamten Abend gerechtfertigt.   Stefan Rimek
   
***

Mit den beiden Pianistinnen Ewa Kupiec (Polen) und Martina Filjak ( Kroatien) waren zwei in der Musikszene bestens etablierte international renommierte Künstlerinnen aufgeboten, die mit einem Feuerwerk pianistischer Bravourstücke die offensichtlich als Magnet wirkende Chopin-Nacht zu einem runden Erfolg werden ließen. So reihte sich tatsächlich wie in einem „Best-of-Programm“ die wirkungsvollste Auswahl von Chopin-Kompositionen aus Scherzi, Mazurken, Walzern, Balladen, Préludes und Nocturnes aneinander, dass das Herz eines Chopinliebhabers in seinen Klängen, Melodien und filigranen Läufen geradezu schwelgen musste.
So weit, so gut und für eine „Chopin-Nacht“ vielleicht auch nichts Besonderes. Die Überraschung, ja Sensation des Abends kam aber tatsächlich erst nach der zweiten Pause und großzügiger Einladung zu polnischem Bier und kroatischem Wein mit den Werken der Chopin-Nachfahren Skrjabin und Balakirev.
Ob die inzwischen etwas gelichteten Reihen der nun doch schon reichlich vorgerückten Zeit vor Mitternacht oder aber dem Weggang fanatischer Chopin-Puristen zuzuschreiben waren, bleibt ungeklärt. Sie erwiesen sich jedenfalls als grober Fehler, denn die nachfolgenden Stücke der vermeintlichen Chopin-Epigonen Skrjabin und Balakirev wirkten als absolute Knaller und Highlight des Abends: Bei Skrjabins spektakulären „Deux Morceaux pour la main gauche“ op. 9 („Prélude“ und „Nocturne“) kam man kaum mehr aus dem Staunen heraus angesichts der Klangfülle, fulminanten Akkordik und der vielstimmigen Melodieführung, wenn man sah, dass es sich dabei tatsächlich um ein Werk für nur eine (!) Hand handelte. Und Balakirevs „Islamej“ war in seiner Anforderung wie Ausführung durch Martina Filjak in jedem Fall spektakulär und technisch atemberaubend, wenngleich vielleicht nicht unbedingt - wie der für Sensationen anfällige Star-Dirigenten Hans von Bülow meinte -
„das schwierigste aller Klavierstücke“ .
Bleibt festzustellen: Die beiden Pianistinnen Ewa Kupiec und Martina Filjak zeigten sich selbst bei anspruchsvollsten Werken über jegliche beckmesserische Kritik erhaben und ließen das staunende Publikum nur in der Frage ratlos zurück, welche von Beiden die wohl bessere sei. Das salomonische Urteil liegt in der momentan aktuellen WM-Fußball-Diktion: Der Wettstreit endete klassisch unentschieden 1:1. Großer, frenetischer Beifall für beide Künstlerinnen und eine begeisternde Musiknacht bleiben in Erinnerung.
Toni Daumerlang







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