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| ARTIKEL |
vom 12.03.2010
Wege in die Freiheit
Leipziger Buchpreis für Publizist György Dalos
Das Wort „Osterweiterung“ lehnt er ab. „Wir nehmen nur wieder den natürlichen Platz ein“, sagt der Historiker und Publizist György Dalos, der in diesem Jahr den mit 15 000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Alljährlich zeichnet eine international besetzte Jury Autoren aus, die sich um die Verständigung in Europa verdient gemacht haben. Zu den bisher ausgezeichneten Preisträgern gehörten u. a. Karl Schlögel (2009), Jurij Andruchowytsch (2006) und Claudio Magris (2001). Dalos erhält den Preis insbesondere für das im Herbst 2009 erschienene Buch „Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa“. Detailliert und spannungsreich erzählt Dalos darin von den merkwürdigen Zufällen und verborgenen Schachzügen, die zur Loslösung Polens, Ungarns, der DDR und CSSR, Bulgariens und Rumäniens von der Herrschaft der kommunistischen Diktatur im Jahr 1989 führten. Die Wege bis zum fast gleichzeitigen Showdown waren unterschiedlich lang und von nationalen, geografischen und historischen Besonderheiten geprägt. Zufälle, Glücksfälle und eine starke Tendenz, die in vierzig Jahren ausgesetzte Entwicklung aufzuholen, aber auch Not und Wut der Bevölkerung, Umweltverschmutzung und das Aufbegehren der Gläubigen brachten den Koloss zum Einsturz. Die Aktivisten der Solidarnosz, Gorbatschow, die Perestrojka als Bedrohung für die Altherrenriege der Kommunistischen Parteien, die Ungarn mit ihrem Beispiel von der „lustigsten Baracke im Lager“, die tschechischen Schriftsteller, der Fortschritt der Telekommunikation, das Vordringen des Fernsehens, das die alten Kader bloßstellte, die massenhafte Flucht der DDR-Bürger über die ungarische Grenze, der großzügige Jagdfreund Franz Josef Strauß, Radio Free Europe und der polnische Papst wirkten in einem günstigen Moment zusammen und schufen die Grundlagen für eine neue Ordnung in Europa. György Dalos, 1943 in Budapest geboren, studierte Geschichte in Moskau. Er war Mitglied der Ungarischen KP, bis er 1968 Berufs- und Publikationsverbot erhielt. Schon 1977 war er Mitbegründer der demokratischen Oppositionsbewegung in Ungarn, und Mitte der 80er Jahre kam er mit einem Stipendium in die Bundesrepublik. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Die eigenen Erfahrungen erlauben ihm, das alte System in seiner Operettenhaftigkeit zu beschreiben. Das gibt seinem Buch Würze und Witz. In der aktuellen Situation aber kann Dalos sehr ernst werden. Von Osteuropa ist mehr zu verlangen und mehr zu erwarten als ein erweiterter Markt, schreibt der überaus würdige Preisträger. Anna Wheill
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