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| ARTIKEL |
vom 30.01.2010
Bundestag skurril: Vom Weinwirt bis zur Pianistin
Fotos, Statistiken, Lebensläufe - Kürschners Volkshandbuch zeigt, wie das Parlament zusammengesetzt ist
Von Rasmus Buchsteiner
 Berlin. Das Buch ist rot-weiß gestreift, wie gewohnt. Und es darf auch auf der Regierungsbank im Bundestag nicht fehlen: Kürschners Volkshandbuch. Gestern ist es erstmals für die neue Wahlperiode erschienen. Auch Kanzlerin Angela Merkel blättert gern im „Kürschner“. Wer sich über den Bundestag und seine 622 Abgeordneten informieren möchte, kommt tatsächlich schwer ohne das 320 Seiten starke Werk aus. Jeder Parlamentarier ist darin mit Foto und Angaben zur Person verzeichnet. Die Tradition dieses Nachschlagewerkes geht bis in die Kaiserzeit zurück: Die erste Ausgabe über die Abgeordneten des Reichstages erschien 1890. Bis heute erfreut sich das Buch großer Beliebtheit. Wer sich ein wenig vertieft, findet Statistiken, Tabellen, aber auch Skurriles. Jede Neuauflage bietet so ihre Überraschungen, denn der Anteil der Parlamentsnovizen ist hoch: 202 der 622 Abgeordneten zogen im September 2009 erstmals in Parlament ein. Von A wie Ackermann (Jens) bis Z wie Zypries (Brigitte) reicht der neue „Kürschner“. Neben dem Bild von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) finden sich elf (!) kleine Sternchen - eines für jede Wahlperiode der Mitgliedschaft im Hohen Haus. Der durchschnittliche Abgeordnete ist 49,2 Jahre alt. 39 Parlamentarier haben bereits das Rentenalter erreicht, darunter Ex-SPD-Chef Franz Müntefering (70). Acht Abgeordnete sind jünger als 30 Jahre, der jüngste ist FDP-Mann Florian Bernschneider (Jahrgang 1986). Der Frauenanteil im Parlament stagniert weiter bei gut 32 Prozent. Lediglich bei Linkspartei und Grünen gibt es mehr weibliche als männliche Abgeordnete. In der Unionsfraktion, die mit Angela Merkel immerhin die erste Bundeskanzlerin stellt, gibt es 20 Prozent Frauen. Der neue Kürschner beantwortet auch die Frage danach, was noch am Ruf des Bundestages als Parlament von Beamten und Juristen dran ist - jede Menge. 22 Prozent der Abgeordneten sind Juristen. Jeder dritte Parlamentarier war vor dem Sprung in den Bundestag Staatsdiener. Mehr als hundert unterschiedliche Berufe sind vertreten: Viele Lehrer, viele Anwälte, Betriebswirte, Ingenieure, Journalisten, aber nicht nur. Mit dem CDU-Politiker Eckard Pols aus Niedersachsen ist ein waschechter Glasermeister im Parlament, mit SPD-Frau Kerstin Lühmann eine Polizeibeamtin. Die FDP kann mit Erik Schweickert (38) einen Professor für Internationale Weinwirtschaft aufbieten. Musische Kompetenz bringt Grünen-Kulturpolitikerin Agnes Krumwiede mit: Die Pianistin (33) aus Ingolstadt ist staatlich geprüfte Musiklehrerin. Während sich neben Angela Merkels Foto, ihrem Mädchennamen und der Email-Adresse ihres Bundestagsbüros, nur einige knappe biografische Angaben finden, sind andere Abgeordnete weit auskunftsfreudiger, was Werdegang und Qualifikationen betrifft. Sie rühmen sich ihrer Fremdsprachenkenntnisse, erwähnen Praktikumsplätze, Orden und Ehrungen. Der Grüne Hans-Christian Ströbele, notorischer Kritiker von Auslandseinsätzen deutscher Soldaten, erwähnt seine Bundeswehr-Zeit. Und Sebastian Körber (30) von der FDP informiert über seine Mitgliedschaft im Oldtimer-Verein „Gentlemen’s Car Club“. Auch wenn der neue Kürschner jetzt druckfrisch vorliegt: Ab Montag ist er bereits veraltet. Dann zieht Politikstudentin Yvonne Plötz (24) ins Parlament ein - als Nachrückerin für den krankheitsbedingt ausscheidenden Linksparteichef Oskar Lafontaine.
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