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vom 27.01.2010


Der unterschätzte Klassiker

Virtuose  Tonfolgen und neue  Arrangements gängiger Stücke: David Garrett mit seiner  Tournee „Classic Romance“ in Passau



Er wollte eine Seite von sich zeigen, die bisher nur wenige kennen. Reine, schöne Klassik - abseits der Rock- und Popsongs, mit denen er vor zwei Jahren auf der internationalen Bildfläche auftauchte. „Classic Romance“ nennt der Geiger David Garrett das Programm, mit dem er zusammen mit der Weimarer Staatskapelle am Montagabend in Passau auftrat. Und es ist ein romantischer Klassikabend von der ersten bis zur letzten Note. Damit haben nicht alle der 3700 Zuschauer gerechnet, und doch ist es ein 90-minütiger Ohrenschmaus, dem jungen Ausnahmegeiger zuzuhören - und für die mehrheitlich weiblichen Fans ihm dabei auch zuzusehen.

Lässiges Auftreten
mit Goldkette und Hut

Durch sein Äußeres bestimmt der 29-Jährige sein Image, grenzt sich ab von den anderen Weltklasee-Violonisten. In dunkelblauer Jeans, schwarzem Hemd und Sakko sitzt Garrett in Passau neben dem Dirigenten auf einem Barhocker. Die langen blonden Haare sind lässig zum Zopf gebunden und unter einen schwarzen Hut versteckt, der Dreitagebart sprießt vor sich hin, um den Hals baumelt eine goldene Totenkopf-Kette und zwei große Ringe zieren die rechte Hand. Der Rocker unter den Klassikern wird er wegen seines Aussehens genannt. Damit dies wirkt, wird sein Konterfei in einem überdimensionalen Bilderrahmen hinter dem Orchester bis in die letzte Reihe der Tribüne übertragen.
Dass der Deutsch-Amerikaner nicht nur erfrischend anders aussieht, sondern auch zu den Meistern an der Geige gehört, zeigt er durch sein Konzertrepertoire an diesem Abend. Mit Vittorio Montis „Csárdás“ beginnt der Abend temperamentvoll. Virtuos lässt er seine Stradivari erklingen und zieht die seit Wochen ausverkaufte Dreiländerhalle schnell in seinen Bann. Die bekannten Stücke klingen unter seinen Fittichen erfrischend anders. Brahms „Ungarischer Tanz Nr. 5“ wird in neuem Arrangement zwar weniger fordernd, durch die langen Melodiebogen aber verspielter. Zur neu arrangierten Streicherbegleitung bei Dvoráks „Humoreske“ kommt ein schwebend leichter Ton von Garretts Geige, der sich seinen Weg unaufdringlich ins Ohr bahnt. Ähnlich ergeht es mit Tschaikowskys „None but a lonely heart“. Ganz in seinem Element, dem schnellen Tempo, ist ein tänzelnder Garrett bei Sarasates „Zigeunerweisen“. Mühelos spielt er sich mit einem Lächeln auf den Lippen durch das Stück.
Das Orchester ist sein stetiger Begleiter. Mal nur ganz leise im Hintergrund, als das weiche Bett, auf dem Garretts Geige klingt, mal mit opulentem Volumen, wenn etwa der „Fluch der Karibik“ durch die Zuschauerreihen weht. Seine Version der Musik aus dem bekannten Kinofilm ist der Publikumshit des Abends. Die Besucher summen begeistert mit und klatschen frenetisch nach dem donnernden Schlussakkord. Im Vergleich dazu wird das 20-minütige Violinkonzert op. 64 von Mendelssohn im zweiten Konzertteil verhalten angenommen. Es scheint, als wisse das Publikum für einen Moment nichts damit anzufangen.
Dabei zeigt Garrett in dieser Komposition, die er zum ersten Mal mit elf Jahren spielte, erst sein wahres Können. Geführt von Dirigent George Pehlivanian schwebt der vibrierende Ton der Stradivari über allen andern. Der 29-Jährige zeigt seine zarte Seite. Vieles ist mehr gehaucht als gespielt. Dafür spielt er sich im dritten Satz regelrecht in Rage, lässt alle mimischen Spielereien für das Publikum sein und versprühte einen Hauch davon, was es heißt, als schnellster Geiger der Welt im Guinessbuch der Rekorde zu stehen.
Garrett ist aber auch ein passabler Unterhalter. Seine Stücke moderiert er selbst an, leider oftmals verbunden mit Anekdoten aus seinem Leben: wie er sich als Siebenjähriger auf der Straße ein neues Spielzeugauto erspielte, sich ein weiblicher Fan bei Regen mehr Sorgen um seine Haare als um seine Geige machte und er sich als Kind mit seiner dicken Hornbrille so geschämt hat, das er sie bei Konzerten absetzte und heute nur noch Kontaktlinsen trägt. Auch das klassikferne Publikum wird so gut unterhalten und findet einen Zugang zur bisher unbekannten Musikrichtung. Der Retter der Klassik hat seine Mission erfüllt.
   Andrea Poschinger


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 Meinungen unserer Leser zu diesem Thema


Kommentar von Abonnent_w25p
David Garrett
Im Gegensatz zu Frau Poschinger finde ich die Anektoden aus seinem eigenen Mund sehr gelungen und witzig. Es ist doch besser solche Geschichten nicht aus der Regenbogenpresse mit noch anderen Lügengeschichten zu erfahren sondern von Ihm selbst. Ich freue mich schon jetzt auf weitere Auftritte von David Garett in Passau.
Reinhold Sonnleitner


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