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vom 12.09.2009


„Rom sieht Pius-Brüdern nicht alles nach“




Vor seinem Auftritt bei „Menschen in Europa“ gibt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn der PNP ein Inter- view. Darin erklärt er, welche Bedingungen der Vatikan im Dialog mit den Lefebvre- Jüngern stellt.

  Papst Benedikt XVI. besucht Ende September Tschechien, das Nachbarland Österreichs und Deutschlands. Der Anteil Konfessionsloser ist dort besonders hoch. Ist es Ihrer Meinung nach das Schicksal ganz Europas, dass die Christen in die Minderheit geraten?

Schönborn: Die Entchristlichung in Böhmen und Mähren hat im 19. Jahrhundert begonnen und stand damals im engen Zusammenhang mit dem Nationalitätenkampf. Die Wurzeln reichten aber noch tiefer in die Geschichte zurück, in die Auseinandersetzungen der Hussiten-Zeit und der Reformation. Der hohe Anteil Konfessionsloser in der Tschechischen Republik hat mit der Last der Geschichte zu tun. Was das Schicksal Europas angeht, muss man sich zwei Dinge vor Augen halten: 1. Nicht die Quantität entscheidet, sondern die Qualität. Das gilt auch für die Präsenz der Christen auf dem europäischen Kontinent. 2. Kirche ist nur Kirche, wenn sie missionarisch ist, wenn sie den Menschen, die nach Antwort auf ihre Lebensfragen suchen, die Botschaft Jesu anbietet. Daher ist der jetzige Augenblick in Europa eine „Stunde der Mission“.

  In der katholischen Kirche Österreichs gab es heuer große Turbulenzen um die Berufung Gerhard Wagners zum Linzer Weihbischof. Auch wenn Wagner zum Schluss zurückzog, wurden durch die Affäre alte Vorbehalte über die vatikanische Besetzungspolitik genährt. Sollte die Ortskirche in Rom stärker Gehör finden?

Schönborn: Die Vorgänge um Gerhard Wagner waren schmerzlich für alle Beteiligten. Aber man muss klar sagen, dass die römische Vorgangsweise, wenn sie eingehalten wird, hervorragend funktioniert. Hinter dieser Vorgangsweise steht die Erfahrung von Jahrhunderten; sie sieht im Übrigen eine angemessene Einbeziehung der Ortskirche vor. Ich denke, dass alle Beteiligten aus den Linzer Vorgängen gelernt haben. Es war ein „Unfall“, aus dem man nicht den Schluss ziehen darf, dass die römische Vorgangsweise grundsätzlich in Frage zu stellen ist.

  Nach Auffassung mancher Beobachter hat das Ansehen der katholischen Kirche unter dem Versuch des Papstes gelitten, die traditionalistische Pius-Bruderschaft wieder an Rom heranzuführen. Doch die Pius-Brüder wollen offenbar an ihren vorkonziliaren Positionen festhalten. Ist da eine Annäherung sinnvoll?

Schönborn: Papst Benedikt XVI. sieht es mit Recht als seine Pflicht an, für die Einheit der Kirche einzutreten. Nur das steht hinter seinen Bemühungen, eine Gruppe von Katholiken, die sich von der Kirche getrennt hat, wieder ins Boot zu holen. Dass es im Zusammenhang mit der Causa Pius-Bruderschaft im Vatikan zu Fehlleistungen gekommen ist, darauf hat Benedikt XVI. in seinem Brief an alle Bischöfe der Weltkirche selbst aufmerksam gemacht. Es ist im Übrigen nicht so, dass Rom den Lefebvrianern einfach alles nachsieht. In den nächsten Tagen beginnen erst die Verhandlungen zwischen der inzwischen neu besetzten zuständigen vatikanischen Kommission und der Pius-Bruderschaft. Dabei wird den Pius-Brüdern sehr klar dargelegt werden, was für den Heiligen Stuhl nicht „verhandelbar“ ist. Dazu gehören wesentliche Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie die Haltung zum Judentum, die Haltung zu den anderen nichtchristlichen Religionen, die Haltung zu den anderen christlichen Kirchen, die Haltung zur Religionsfreiheit als dem grundlegenden Menschenrecht.

„Drachensaat des Nationalismus“


  Atheisten in mehreren Ländern Europas werben immer offensiver für ihre Position - unter anderem mit Bus-Kampagnen, die dazu aufrufen, „gottlos glücklich zu sein“. Steht den Kirchen ein Kulturkampf bevor, und wenn ja,
wie ist er am besten zu bestehen?


Schönborn: Man sollte mit den Füßen am Boden bleiben. Die Kampagnen der Atheisten waren eine kurzfristige Medien-Sensation, dann ist der Alltag wieder in sein Recht getreten. Ich meine nicht, dass man sich vor diesen Kampagnen fürchten muss. Sie haben etwas ergreifend Altmodisches an sich, es ist die Atmosphäre der „Belle Epoque“ vor 1914, die aus diesen Kampagnen spricht. Im Übrigen freue ich mich immer, wenn der liebe Gott öffentlich ins Gespräch gebracht wird - auch wenn es durch jene geschieht, die ihn leugnen möchten.

  Die EU lief einst unter dem Kürzel EWG. Ist die Union weiterhin nur eine „Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft“ (wie der tschechische Präsident Václav Klaus es zu fordern scheint) oder sollte sie nicht doch auch eine „Europäische Werte-Gemeinschaft“ sein?

Schönborn: In erster Linie ist die EU ein großes Friedensprojekt. Wer die Geschichte Europas betrachtet, kann sich nicht genügend wundern, dass wir seit fast 65 Jahren auf dem Kontinent Frieden haben. Man wird in der Geschichte kaum eine vergleichbar lange Friedensperiode finden. Das allein rechtfertigt alle Anstrengungen für die Vertiefung der Europäischen Union. Wenn man die Jugend von heute ansieht, dann gibt es in ihr eine große Selbstverständlichkeit, überall in Europa zu studieren, zu arbeiten, zu leben. Das wird zuvor wohl im 18. Jahrhundert das letzte Mal so gewesen sein. Erst jetzt, in diesen Jahren, wird die Drachensaat des Nationalismus des 19. Jahrhunderts überwunden, der Europa in die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts gestürzt hat. Die Selbstverständlichkeit, mit der junge Deutsche oder Österreicher in Uppsala oder Bologna, Paris oder Lissabon studieren und vielleicht dort auch Wurzeln schlagen, halte ich für eines der großen positiven „Zeichen der Zeit“.

  Der Gottesbezug im EU-Reformvertrag ist nicht zustande gekommen. Was wäre - praktisch gesehen - anders gewesen, wenn er formuliert worden wäre? Und welche Formen der Präsenz sind nötig, um dem Anliegen der Kirchen unter den nun gültigen Bedingungen Gehör zu verschaffen?

Schönborn: Es kommt nicht auf das Wort an, sondern auf den Inhalt. Und inhaltlich ist im Lissabon-Vertrag vieles von dem enthalten, was den Kirchen am Herzen liegt. Insbesondere sieht der

Lobbyarbeit für
„die Sache Gottes“

Lissabon-Vertrag auch einen kontinuierlichen Gesprächsvorgang zwischen den EU-Institutionen und den Kirchen und Religionsgemeinschaften vor. Das heißt, die Kirchen haben die Möglichkeit, ständig gleichsam als „Gewissen der Gesellschaft“ zu Entwicklungen und Vorhaben auf europäischer Ebene Stellung zu beziehen und - „gelegen oder ungelegen“ - die Sichtweise des Evangeliums über den Menschen und das menschliche Zusammenleben einzubringen. Daher ist die Ratifizierung des Lissabon-Vertrages auch unter diesem Aspekt sehr wichtig. Freilich gibt es den ständigen Gesprächsvorgang zwischen den EU-Institutionen und den Kirchen auch bereits jetzt. Sowohl die „ComECE“ (die Kommission der Bischofskonferenzen des EU-Raumes) als auch die „CEC“ (die Konferenz Europäischer Kirchen), viele Bischofskonferenzen und nichtkatholische Landeskirchen sind durch eigene Büros in Brüssel vertreten. Sie betreiben ein - nach außen oft nicht dramatisch sichtbares, aber umso effizienteres - Lobbying für die „Sache Gottes und des Menschen“.

Gespräch: Karl Birkenseer







 Meinungen unserer Leser zu diesem Thema


Kommentar von Pedro
Warum lügt der Kardinal?
Er sagt im Interview:
(..)Dazu gehören wesentliche Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie die Haltung zum Judentum, die Haltung zu den anderen nichtchristlichen Religionen, die Haltung zu den anderen christlichen Kirchen, die Haltung zur Religionsfreiheit als dem grundlegenden Menschenrecht. (..)

Seine Kirche tritt die Religionsfreiheit doch mit Füßen, sie haben immer noch Inquisitoren, die Verfolgung Andersgläubiger führen sie bis zum heutigen Tag fort. Auch hat seine Kirche die Menschrechtskonvention nicht unterschrieben. Oder meint er als Ergebnis vom Konzil, das so weitergemacht wird wie die Jahrhunderte zuvor?


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