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"Ein Licht im Advent": PNP-Spendenaktion 2012

"Menschen mit Behinderung besonders von Armut bedroht"

von Sebastian Fleischmann

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Unsicherheit, wie man sich verhalten soll: Menschen mit Handicap droht in Russland Ausgrenzung.  − F.: dpa

Unsicherheit, wie man sich verhalten soll: Menschen mit Handicap droht in Russland Ausgrenzung.  − F.: dpa

Unsicherheit, wie man sich verhalten soll: Menschen mit Handicap droht in Russland Ausgrenzung.  − F.: dpa


Die PNP-Weihnachtsaktion setzt sich in diesem Jahr für Kinder und Jugendliche mit Behinderung in Russland ein. Landesexperte Stefan Melle erklärt im Interview zwar, dass sich die allgemeinen Lebensumstände in dem riesigen Land teilweise langsam bessern. Er berichtet aber auch, dass Menschen mit Behinderung dort nach wie vor besonders von Ausgrenzung und Armut bedroht sind.

Knapp 13 Prozent der Menschen in Russland haben laut offiziellen Statistiken ein Einkommen unter dem Existenzminimum − derzeit festgelegt auf etwa 150 Euro. Nach dem Ende der Sowjetunion war es noch etwa ein Drittel. Hat das Land das große Armutsproblem in den Griff bekommen?

Melle: Ja und nein. Einerseits ist die Armut in der Tat deutlich zurückgegangen. Das hat an erster Stelle mit dem derzeit sehr hohen Preis für Öl und Gas zu tun, der staatliche Haushalt ist abhängig von diesem Geld. Es gibt mittlerweile, bei allen Problemen mit Korruption und Ineffizienz in der industriellen Produktion, in Russland auch eine Menge gut funktionierender marktwirtschaftlicher Strukturen. Aber alle wissen, auch die Regierung, dass das alles bei einem fallenden Ölpreis ins Rutschen gerät. Andererseits ist es auch immer die Frage, wie Armut gemessen wird. Nach deutschem Standard wären es sehr viel mehr als die genannten 13 Prozent.

Stefan Melle, Journalist und Russlandexperte, ist Geschäftsführer des Vereins "Deutsch-Russischer Austausch" (www.austausch.org), der mit russischen Nichtregierungsorganisationen kooperiert und sie unterstützt − unter anderem in der Behindertenarbeit. Melle, 42, reist regelmäßig für längere Aufenthalte nach Russland.

Stefan Melle, Journalist und Russlandexperte, ist Geschäftsführer des Vereins "Deutsch-Russischer Austausch" (www.austausch.org), der mit russischen Nichtregierungsorganisationen kooperiert und sie unterstützt − unter anderem in der Behindertenarbeit. Melle, 42, reist regelmäßig für längere Aufenthalte nach Russland.

Stefan Melle, Journalist und Russlandexperte, ist Geschäftsführer des Vereins "Deutsch-Russischer Austausch" (www.austausch.org), der mit russischen Nichtregierungsorganisationen kooperiert und sie unterstützt − unter anderem in der Behindertenarbeit. Melle, 42, reist regelmäßig für längere Aufenthalte nach Russland.


"Menschen leben vom Garten in den Topf"

Wie groß wäre der Anteil dann?

Melle: Das lässt sich schwer schätzen. Auf jeden Fall mindestens ein Drittel, vor allem die Menschen im ländlichen Raum. Die Gebiete dort sind nach wie vor sehr arm und haben seit 1991 auch viel von der Infrastruktur eingebüßt. Läden, Post, Schulen − also der Zugang zu für uns normalen gesellschaftlichen Standards − sind dort oft nicht mehr hinreichend gegeben. Die Wiederbelebung dieser ländlichen Bereiche ist ein Prozess, der noch nicht wirklich begonnen worden ist und der Jahrzehnte dauern wird. Und das betrifft auch zentralrussische Gebiete, nicht nur Sibirien. Viele Leute leben dort nicht nur von der Hand in den Mund, sondern gezwungenermaßen auch von ihrem Gemüsegarten in den Topf.

Welche Bevölkerungsschichten sind besonders von Armut bedroht?

Melle: Zum Beispiel Rentner oder Menschen mit Behinderung. Für sie gibt es zwar staatliche Renten. Aber gerade für Behinderte sind sie minimal und stehen in keinem Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten. Außerdem sind Startbedingungen für Familien schwer. Russland hat ein großes demografisches Problem. Die geringe Geburtenzahl und frühe Sterblichkeit haben auch stark damit zu tun, dass die Lebensumstände in Russland noch immer schwer sind. Viele Leute brauchen zwei bis drei Jobs zum Überleben.

Sie sagen, das Armutsproblem betrifft auch Menschen mit Behinderung besonders. Mit welchen anderen Widrigkeiten haben diese in Russland noch zu kämpfen?

Melle: Mit sehr vielen. Zum Beispiel mit der Infrastruktur. Es gibt nur an ganz wenigen Orten Vorrichtungen, die es Behinderten möglich machen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Was in Deutschland seit Jahren als Barrierefreiheit verbreitet wird, ist in Russland bisher nur in Spuren vorhanden. Das ist zwar auf dem Weg der Besserung, aber auf einem langsamen und niedrigen Niveau. Dazu kommt die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz. Es ist eine große Distanzierung da im Sinne von Unsicherheit, wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll. Die Vorstellung, was man überhaupt zur Unterstützung und Selbstständigkeit der Behinderten leisten kann, ist sehr beschränkt.

"Das ist ein trauriges politisches Spiel"

Werden deshalb viele Kinder, die mit Behinderung auf die Welt kommen, gleich nach der Geburt in Waisenhäusern oder Heimen abgegeben?

Melle: Das hat mehrere Ursachen. Eine ist, dass es quasi eine Tradition ist: Es war immer so. Viele Eltern glauben tatsächlich, dass es das Beste für die Kinder ist und dass sie das selbst nicht leisten können. Das ist der zweite Punkt: Es gibt viel zu wenig Unterstützung für Eltern, die es sich zutrauen und leisten wollen, ihren Kindern ein Leben in der Familie und der Gesellschaft zu ermöglichen.

Im russischen Parlament ist gestern ein Gesetz verabschiedet worden, das die Chancen für diese Kinder noch weiter schrumpfen lässt: Es verbietet die Adoption russischer Waisenkinder durch US-Amerikaner . . .

Melle: Das ist ein trauriges politisches Spiel. Es wurde zwar dadurch auch die berechtigte Frage aufgeworfen, warum es keine russischen Familien gibt, die diese Kinder aufnehmen, und warum es keine staatlichen oder gesellschaftlichen Strukturen gibt, die das tragen. Aber ansonsten geht's um ganz platte, billige politische Rache. Was man dabei zusätzlich beachten muss: In diesem Kontext wurden weitere kurzfristige Regelungen angeschoben. Nämlich dass sämtliche Nichtregierungsorganisationen, die amerikanisches Geld erhalten und sogenannte "politische Tätigkeit" im Programm haben, geschlossen werden sollen. Wir stehen vor einer weiteren Verschärfung des Rahmens für gemeinnützige Arbeit in Russland, von der die Entwicklung des Landes eigentlich stark profitieren könnte.



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Copyright © Passauer Neue Presse 2014
Dokument erstellt am 2012-12-21 18:40:34
Letzte Änderung am 2012-12-22 08:46:00







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Sebastian Fleischmann


PNP-Redakteur Sebastian Fleischmann hat in Russland recherchiert. Er berichtet über das Hilfsprojekt und die Schicksale der Kinder.