

In der Messe wird gesungen und getanzt − Festessen mit Reis, Ziegenfleisch und Bananenbier − Jedes Jahr bekommt ein anderes Kind ein Geschenk
von Eva Fischl
Lesenswert (0)Bananen machen glücklich, heißt es. Weil in ihnen besonders viel von dem Botenstoff Serotonin enthalten ist. Wissenschaftlich ist diese These zwar widerlegt, weil nur das vom Gehirn selbst produzierte Serotonin wirklich glücklich macht und nicht durch die Nahrung aufgenommen werden kann. Doch in Burundi geht die Rechnung einmal im Jahr auf: Bananen machen glücklich, und zwar in Form des selbstgebrauten Bananenbiers, das dort traditionell an Weihnachten getrunken wird.
Zu den Festtagen leisten sich selbst die ärmsten Familien diesen kleinen Luxus. Weihnachten ohne Bananenbier, das wäre für Burundier wie ein Heiligabend ohne Christbaum für uns Deutsche.
Anastasie (45) und ihr Mann werden im Dorf Gasibe heute und morgen die Gastgeber für ihren großen Clan sein. Mit dem Paar feiern ihre eigenen neun Kinder und die ebenso kinderreichen Familien von Anastasies Schwägerinnen. Insgesamt gilt es, 28 Köpfe satt zu bekommen. Das Festessen besteht aus Reis, Zwiebeln, speziellen Gewürzen und Ziegenfleisch. Das Tier wurde gemeinsam angeschafft, das Jahr über gefüttert und nun geschlachtet. Sein Fleisch soll an Weihnachten alle satt machen. Das Mahl ist der Höhepunkt des Jahres: Denn Reis und Fleisch sind zu teuer und stehen ganz selten auf dem Speiseplan der Familie.

Die Kinder fiebern schon Wochen zuvor dem großen Familienfest entgegen. Denn an Weihnachten sind alle glücklich und feiern ausgelassen. | Foto: Eva Fischl
Die Kinder fiebern schon Wochen zuvor dem großen Familienfest entgegen. Denn an Weihnachten sind alle glücklich und feiern ausgelassen. - Foto: Eva Fischl
Weiße Wände, damit die Hütte leuchtet
In den Wochen vor Weihnachten sind auch die Bananen gestrichen − denn die benötigen Anastasie und ihre Schwägerinnen für die Herstellung des Biers. Wie Schätze werden die reifen Früchte gehütet, unreife werden an den Bäumen abgedeckt und so vor dem tropischen Sturzregen und Wind geschützt. "Je mehr Früchte wir haben, umso besser schmeckt das Bier", erklärt Anastasie. Die reifen Bananen werden in Trögen mit Hefe angesetzt, damit sie gären können.

Bei Anastasie (45) trifft sich an Weihnachten der ganze Clan. Eine große Aufgabe: Denn alle 28 Köpfe müssen satt werden. | Foto: Eva Fischl
Bei Anastasie (45) trifft sich an Weihnachten der ganze Clan. Eine große Aufgabe: Denn alle 28 Köpfe müssen satt werden. - Foto: Eva Fischl
In guten Jahren, wenn genügend zu essen und zu trinken vorhanden ist, beginnen die Feierlichkeiten bereits am Abend des 24. Dezember. "Dann laden wir auch unsere Nachbarn ein, mit uns zu feiern", erzählt Anastasie. "Es ist ja für alle da." Doch in schlechteren Jahren kann es sich die Familie nur leisten, am 25. Dezember zu feiern − dann wird mittags getafelt und in den Abend hineingefeiert.
Ein Ritual im Lehmhaus von Anastasie ist es auch, vor Weihnachten die Wände weiß zu kalken − damit der Raum, in dem gefeiert wird, schön aussieht. Weihnachtsdekoration, wie wir sie kennen, gibt es nicht − wovon sollte es sich die Familie auch leisten können.

Bananenbäume wachsen in Burundi überall: Aus ihren Blättern machen sich die Ärmsten der Gesellschaft Hütten, und aus ihren Früchten brauen sie zu Weihnachten ein traditionelles Bier. | Foto: Eva Fischl
Bananenbäume wachsen in Burundi überall: Aus ihren Blättern machen sich die Ärmsten der Gesellschaft Hütten, und aus ihren Früchten brauen sie zu Weihnachten ein traditionelles Bier. - Foto: Eva Fischl
Sich gegenseitig zu beschenken, diesen Brauch gibt es auch in Burundi. Doch in diesem Punkt müssen Anastasie und ihr Clan Kompromisse machen. "Die Männer schenken uns Frauen ein neues Kleid", erzählt Anastasie, und fügt verlegen hinzu: "Naja, wenn sie es sich leisten können." Auch die Kinder erhalten nicht alle ein Geschenk. "Es sind einfach zu viele", lacht die neunfache Mutter. Deshalb hat die Familie hier ihre eigenen Regeln aufgestellt − es gilt das Rotationsprinzip. "Jedes Jahr ist ein anderes dran. Und eines kriegt ein Geschenk an Ostern, und ein anderes eins zum Geburtstag", erklärt Anastasie. Meistens sei es ein Kleid, eine Hose oder eine Jacke. Dinge, die die Kinder ohnehin dringend benötigen.
Beim Gottesdienst ist Flexibilität gefragt
Doch die Geschenke sind für die Kinder gar nicht so wichtig. Sie freuen sich schon Wochen vorher auf das Fest. Denn an den Feiertagen werden sie ausnahmsweise mal so richtig satt, ihre Eltern sind ausgelassen und glücklich und vergessen ihre Sorgen für kurze Zeit. Diese Hochstimmung überträgt sich auf die Kinder. "In der Messe singen sie viel lauter als sonst", hat Anastasie beobachtet.
Viele Familien in Burundi sind Christen. Anastasie und ihr Clan gehören den Katholiken an. Der Weihnachtsgottesdienst ist für sie ein Pflichttermin, allerdings ein recht flexibler. Denn der Priester reist mit seinem alten Moped aus der zehn Kilometer entfernten größeren Kommune an − und ihr Dorf ist nicht das einzige, in dem er Gottesdienst hält. Die Messe beginnt, sobald der Pfarrer in der Gemeinde eingetroffen ist. Dann wird gesungen, gebetet, getrommelt, getanzt. "Und wenn wir genügend Bananenbier haben, dann wird zu Hause weitergesungen und getanzt", lächelt Anastasie.

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