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Der Medien-, Aktions- und Biennalekünstler Jochen Gerz Skepsis gegenüber Wort und Bild
Der international agierende Künstler Jochen Gerz stellt im Herbst an drei Orten in Passau aus - Ein Porträt
Durch Kunst im öffentlichen Raum Positionen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auszuleuchten, die in die Zukunft führen - so lässt sich das Werk von Jochen Gerz umreißen. Jochen Gerz, 1940 in Berlin geboren, lebt heute in Paris und und British Columbia/Kanada. Mit seinen Projekten für den öffentlichen Raum hat er neue Formen des künstlerischen Ausdrucks entwickelt und das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum radikalisiert. Anlässlich der Reihe „Menschen in Europa“, durchgeführt von der Verlagsgruppe Passau, wird der international bekannte Künstler und Biennale-Teilnehmer in drei Ausstellungen in Passau zu sehen sein. Dabei tritt der Künstler im Medienzentrum Passau in einen Dialog mit den Lesern der Passauer Neuen Presse. „Die Zeitungsleser und der Philosoph 2004“ heißt das Autorenprojekt von Jochen Gerz. Das Forum des Austausches wird die Tageszeitung sein. Zeitung und Leser treffen sich darin nicht in der traditionellen Rolle als Verteiler und Konsumenten von Informationen, sondern als Partner in einem Dialog, der nicht von der Redaktion der Zeitung, sondern von einem Philosophen moderiert wird: Prof. Friedrich Kittler ist in Deutschland sowohl als Medienguru wie auch Philosoph bekannt. Er gilt auch als ein Kenner der zeitgenössischen Kunst. (Anmeldung zur Vernissage am 16. Oktober online oder unter Tel.: 0851/802-202 erforderlich!) Im Museum Moderner Kunst Passau - Stiftung Wörlen werden „Arbeiten aus 30 Jahren“ - so der Titel - gezeigt, die das breite Spektrum des Künstlers sowie seine Entwicklung aufzeigen. Jochen Gerz arbeitet mit allen Medien: Text, Installation, Performance, Video, Arbeiten im öffentlichen Raum, Internet, Theater und der Vermischung dieser Kunstformen. In der Passauer St.-Anna-Kapelle sind zeitgleich Installationen von Jochen Gerz zu sehen: „Miami Islet“ sowie „Your chair“. Auch hier ist eine Interaktion mit den Ausstellungsbesuchern geplant. „Time Based Art“ – dies gilt grundsätzlich für das Werk von Gerz. Dieser Kunstbegriff ist im Sinne von Joseph Beuys erweitert. Er sagte einmal: „Wenn ich ein Ölbild wäre oder ein Gobelin, könnte ich zufrieden sein: Ab ins Museum, da ist das ewige Leben.“ Um das ewige Leben geht es ihm nicht, sondern um das heutige, um die Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Politik. Der Kunsthistoriker und Herausgeber der Regensburger Kunstzeitung, Karlheinz Schmid, nennt Jochen Gerz in einem Porträt in dem Band Kunst-Geschichten einen der sozialsten und politischsten Künstler unserer Zeit. „Er ist ein Humanist, also einer, dem der Mensch näher ist als der Gegenstand.“ Wo der Mensch ist, ist das Wort nicht weit. Das Wort spielt in Jochen Gerz’ Kunst eine große Rolle. Der Künstler studierte zunächst Germanistik, Anglistik und Sinologie in Köln, schrieb dort Gedichte, arbeitete schließlich an Übersetzungen und verfasste Werbetexte. Nicht selten wird er als „Wort- und Begriffsakrobat“ bezeichnet. Dabei erweitert er das Wort zum Dialog. Er betrachtet wie ein Bildhauer die Sprache als einen Werkstoff. „Die Wörter sind für mich etwas Stoffliches, eine Materie, etwas, das ich beeinflussen, bearbeiten kann. Die Idee, dass die Sprache eine skulptierbare Materie ist, interessiert mich deshalb, weil wir in ein Zeitalter eintreten, in dem die Kunst immer weniger immateriell wird.“ Bereits seit den sechziger Jahren setzt Jochen Gerz, zum Beispiel in der „Bremer Befragung“, auf den Dialog mit den Bürgern und damit auf die Autorenschaft des Betrachters. Der Auftrag für ein Kunstwerk im öffentlichen Raum garantiert kein Objekt mehr. Der Auftrag initiiert vielmehr, vermittelt durch die Arbeit des Künstlers, einen Dialog in der Öffentlichkeit. Man kann vom gelebten Kunstwerk sprechen. Auch der Begriff der Demokratie gewinnt in diesem Kontext eine neue Dimension. Wo der Mensch ist, ist auch das Bild nicht weit. Ausgehend von konkreter Poesie beginnt Gerz ab 1967/68, Worte mit Fotos und Zeichen zusammenzufügen, um so den Betrachter zu selbständiger Assoziation anzuregen, „statische Texte“, „Pieces“ heißen zum Beispiel Arbeiten. „Bild“-Ideen werden aber auch ganz anders, ganz neu umgesetzt, als Videoarbeiten, Installationen und Performances (Aktionskunst), z. B. für die „Griechischen Stücke“ 1975 - 79. Darin entlarvt er die Scheinwelt der Medien und deren Vortäuschung objektiver Wahrnehmung. Seine Werke siedelt er im Zwischenraum von Realität und Reproduktion an. Die Skepsis gegenüber dem Bild und dem Wort und damit auch vor den Entwicklungen in Politik und Gesellschaft ist ein tiefer Wesensgrund der Kunst von Jochen Gerz. Kunsthistoriker Karlheinz Schmid beschreibt Jochen Gerz folgendermaßen: „Gerz schaltet sich ein, wo sich Konflikte, Spannungsmomente aufstauen, wo verschüttete, leise Fragmente der Entdeckung harren. Er kann dabei für den Ausgleich, die Umkehrung der Pole sorgen: Was heftig pulst, wird kurzerhand beruhigt; was dahindämmert, wird ins Licht gerückt.“ (PNP v. 20.07.2004) Edith Rabenstein „Wenn ich an Kunst denke, lande ich beim Leben“
Medienkünstler Jochen Gerz fordert PNP-Leser zum Mitmachen auf - Karlheinz Schmid spricht mit dem Künstler über sein Projekt...
Erneut präsentiert die Verlagsgruppe Passau im Rahmen der Reihe „Menschen in Europa“ einen Künstler: Im Herbst werden Arbeiten von Jochen Gerz im Medienzentrum, im Museum Moderner Kunst Passau sowie in der St.-Anna-Kapelle gezeigt. Der Medien- und Aktionskünstler versteht die Präsentation eigentlich als eine Ausstellung an drei Orten. Spannend wird es allemal, denn Jochen Gerz ist ein Künstler, der sehr von der Philosophie geprägt ist. Und er geht direkt an die Menschen, die Betrachter ran, macht sie zu Teilnehmern. Dabei tritt der Künstler in der Zeitung in einen Dialog mit den Lesern der Passauer Neuen Presse. „Die Zeitungsleser und der Philosoph 2004“ heißt das Autorenprojekt von Jochen Gerz. Die Tageszeitung wird dabei quasi Schreibhilfe sein. Unsere Leser sollen Fragen des bekannten Medienphilosophen Prof. Friedrich Kittler beantworten. Die Stunde null der Ausstellung ist dann ein großes Bankett mit Prof. Kittler und an der Kunstaktion teilnehmenden Lesern. Der Herausgeber der Kunstzeitung, Karlheinz Schmid, sprach mit Jochen Gerz über das Projekt in Passau. Sind Künstler nicht allzeit selbst Philosophen? Warum brauchen Sie diesmal philosophischen Beistand? Im Gegenzug: Sind Philosophen nicht auch Künstler? Es stimmt, dass Kunst und Philosophie sich näher kommen, das gilt zumindest für die Konzeptkunst und die Folgen. Und umgekehrt für die Philosophie, dass zur Wirklichkeit, von der ja nicht nur Philosophen sprechen, auch die Kunst gehört. Was mich hier interessiert: für die breite Öffentlichkeit gibt es die Philosophie als Instanz der Sinnstiftung. Ist das falsch? Umgekehrt gibt es für die Philosophie die breite Öffentlichkeit als die Adresse, mit der man nicht direkt kommunizieren kann. Ist das richtig? Darüber hinaus interessiert mich natürlich, Friedrich Kittler, der die Öffentlichkeit so intim kennt und bedenkt wie wenige, in der Rolle des Informanten der Öffentlichkeit zu sehen. Wie sieht’s mit der Positionierung, beziehungsweise der Trennschärfe zwischen Künstler/Philosoph und Publikum/Zeitungsleser aus? Prallen bei Ihrem jüngsten Projekt high and low aufeinander? Natürlich stimmt es, von high und low zu reden. Trotzdem ist es genau das, was meine Arbeit seit Ende der 60er Jahre hinterfragt. Ist low noch low (und high noch high)? Die Adern der Kreativität durchziehen den Gesellschaftskörper nicht mehr so wie vor 150 Jahren, das blaue Blut auf der einen Seite und das rote auf der anderen. Low beeinflusst high immer mehr und die Kunst hat die Seiten seit langer Zeit gewechselt (und wechselt sie immer wieder). Wo ist die Philosophie? Was sagt sie uns, den Zeitungslesern? Welche Rolle spielen die Medien in Ihrer Arbeit? Die Zeitung, ein Kommunikationsmittel, das Sie immer wieder beschäftigt hat, wird in Passau auch als Briefpapier zum Einsatz kommen. Geht es also im Projekt „Die Zeitungsleser und der Philosoph“ um die Nutzung vorhandener Möglichkeiten? Oder erscheint dieser Aspekt sekundär? Alles, was existiert, ist eine Ressource. Man kann es kritisieren, soll es auch, doch tabuisieren soll man die Medien nicht. Sie existieren, weil sie uns ähnlich sind. Sie sind der Anfang der Arbeit. Als ich in Strasbourg 1994 die Seite People Speak für die Dernières Nouvelles d’Alsace entwarf, sagte der Verleger: ich habe die Zeitung des 21. Jahrhunderts erlebt. Als Künstler freut mich, wenn die Zeitung, das heißt vor allem deren Leser, mich ernst nehmen und mitspielen. Welche Idee verbirgt sich hinter dem Gedanken, einen Künstler, einen Philosophen und die Zeitungsleser in einem Werk zu vereinen, sie allesamt auf einer Zeitungsseite als Autoren zu präsentieren? Der Leser als Antwort und Autor, der Philosoph als öffentlicher Informant, der Künstler als Fragensteller und die Zeitung als Experiment – es fehlen die Konsumenten. Doch in diesem Spiel mit vertauschten Rollen ist jeder in der Nebenrolle auch Konsument. Konsumieren kann man immer, dazu muss man nicht sprachlos, passiv werden. Autorenprojekt nenne ich meine Arbeit. Können Fragen und Antworten die Welt verändern? Welcher Kunstbegriff verbirgt sich hinter einer bildnerischen Arbeit, die nicht am verführerisch anmutenden Resultat interessiert ist? Kunst ist ein Spiel. Deshalb kann man sie ernst nehmen. Wer fragt, der hat die Welt (und sich selbst) noch nicht abgeschrieben, wenn ich an Kunst denke, lande ich beim Leben, nicht bei der Kunst. Die Kunst ist die Raupe, die Gesellschaft ist der Schmetterling. Wir sollen Autoren werden, gleich ob in der Kunst oder in der Demokratie. Betrachter haben wir und waren wir lange genug. Haben Sie eine Vision, wie das Projekt in Passau verlaufen wird, was es sämtlichen Beteiligten bringen kann? Gibt es einen Wunsch? Wie geläutert sollen „Die Zeitungsleser und der Philosoph“ aus der Auseinandersetzung gehen? Was erwartet der Künstler für sich selbst? Wenn ich das im voraus wüsste, würde ich die Arbeit nicht machen. Die Öffentlichkeit kann ein rauer Ort sein, im Schutz der Museumswände lässt sich leichter philosophieren. Doch das ist ja gerade der Grund, warum wir die Zeitungsleser einladen, einzusteigen in die Kunst. (PNP v. 31.07.2004) Lesen Sie dazu... ... alles über das Projekt "Die Zeitungsleser und der Philosoph": Mit Erscheinen der zweiten Sonderseite geht das Autorenprojekt in die zweite Runde... PNP v. 11.09.2004 weiter Eine Zusammenfassung für die Leser zum Start des Autorenprojekts... PNP v. 04.09.2004 weiter Hier können Sie online am Projekt "Die Zeitungsleser und der Philosoph" teilnehmen... PNP v. 04.09.2004 weiter Alles über Friedrich Kittler, den Philosophen im Autorenprojekt... PNP v. 04.09.2004 weiter Ein Überblick über die MiE-Zusammenarbeit mit Jochen Gerz... PNP v. 28.08.2004 weiter So läuft das Autorenprojekt von Jochen Gerz... PNP v. 28.08.2004 weiter ... die PNP-Serie über Jochen Gerz´ bisherige Projekte: PNP-Serie zu Jochen Gerz (1): Das Projekt „Platz der Grundrechte“ in Karlsruhe... PNP v. 04.08.2004 weiter PNP-Serie zu Jochen Gerz (2): Das Projekt "woher wohin" am Bodensee... PNP v. 18.08.2004 weiter PNP-Serie zu Jochen Gerz (3): Das Projekt "Der Wettbewerb" in Schmallenberg/Bad Berleburg... PNP v. 26.08.2004 weiter PNP-Serie zu Jochen Gerz (4): "Das zukünftige Denkmal" und "Die Öffentliche Bank" in Coventry... PNP v. 03.09.2004 weiter © 08/2004 PNP-Online |