zurück
|
Jirí Kolár |
|
Ein Portrait des tschechischen Collage-Künstlers "Die Konsequenz für seine Kunst war, daß er zum Ausgangspunkt seines künstlerischen Gestaltungsprozesses nicht mehr die Realität nahm, sondern ihre Reproduktion", schrieb der Kolár- Kenner Hans-Peter Riese in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - und trifft damit den Kern seiner Kunst: Jirí Kolár, der sensible Dichter, der schließlich visuelle Gedichte erarbeitete und zum Schöpfer der modernen Collage wurde. Die Werke des bedeutendsten tschechischen bildenden Künstlers im Ausland, hängen in allen großen Museen, so im Peggy Guggenheim Museum in New York, im Centre Georges Pompidou, Paris, im Nationalmuseum Reina Sofia Madrid, in der Sammlung Ludwig in Köln und in der Nationalgalerie in Tschechien. Heute wird Jirí Kolár auch in seiner Heimat gefeiert, das war nicht immer so. Kolár wurde 1914 als Sohn eines Bäckers in Protivin (Südböhmen) geboren. Nach Schulabschluß absolvierte er eine Tischlerlehre und verdiente später seinen Lebensunterhalt in verschiedenen Berufen. Mitte der dreißiger Jahre wandte er sich der Literatur zu. Jirí Kolár wurde Verlagsredakteur, übersiedelte nach Prag und veröffentlichte mehrere kleinere Bücher. Er trat auch als Übersetzer angelsächsischer und französischer Literatur in Erscheinung. "Ein Mensch, darauf eingestimmt an die Kraft seines Gedankens zu glauben, ist fähig, viel Bewundernswertes und Kostbares zu machen", meinte Kolár. Die Kraft seines Gedankens war es, die ihn schließlich zu einer anderen Kunstform führte. Das Wort allein genügte ihm nicht mehr. Schon 1948 verspürte er ein Unbehagen, sah sich selbst als Gefangener der Sprache, war tief getroffen über die Unverantwortlichkeit mit der Sprache als Manipulationsmittel in der Politik eingesetzt wurde. "Heutzutage die Wahrheit zu sagen und das Gesicht der Welt so sehen zu wollen, wie es wirklich ist, scheint eine der größten Perversitäten, Exzentrizitäten und Absurditäten zu sein", schrieb er 1949. Das war auch die Zeit, in der Kolárs eigene Worte verboten, seine Gedichte eingestampft wurden. 1953 wurde er erstmals vorübergehend inhaftiert und als Schriftsteller mit Publikationsverbot belegt. Vorausgegangen waren verschiedene Aufrufe, offene Briefe und Resolutionen, an denen er sich beteiligt hatte und die ihn in Konflikt mit der Parteidoktrin brachten. Seine Schriften waren unpolitisch, wurden aber trotzdem als "subversiv" eingestuft. Sein Unbehagen an der Sprache wuchs noch mehr - und Kolár versuchte die Möglichkeiten der Sprache auszuweiten, bildnerisch umzusetzen. So montierte er in seine Texte Reklame-Slogans und Zitatstücke, um so der Kunst ihre Fähigkeit zu erhalten "individuelle Erfahrungen so zu vermitteln, daß sie im Kunstwerk den Charakter einer für die Zeit exemplarischen Aussage erhalten". Kolár ging den Weg konsequent weiter, Sprache wird zu einem Instrument der Reproduktion. Seine Arbeiten weisen immer wieder "sprachliche" Momente auf, Spruchbänder sind einmontiert, Buchstaben tanzen. Jirí Kolár fand schließlich zu einer neuen bildnerischen Ordnung, in der er versucht, per Reproduktion immer wieder verstellte Realitäten oder neue Welten sichtbar zu machen. Er arbeitete inin Werkgruppen. Die bekanntesten Collagetechniken Kolárs sind die "Rollagen", in schmale Streifen zerschnittene Reproduktionen, z. B. klassischer Bilder, etwa eines Van Gogh oder Mondrian, die durch diese Technik verzerrt wiedergegeben werden. Eine andere Variante ist die Reproduktion und Kombination von "alten Meistern" und zeitgenössischer Fotografie. Eine weitere Technik weisen die "Chiasmagen" auf, großflächige Collagen kleinster bedruckter Papierschnipsel und die "Knotengedichte", bei denen - in Anlehnung an die südamerikanische Knotenschrift allerlei Gegenstände des Alltags - von Stoffetzen bis Papierschnitzel - vertikal aufgehängt werden. In seinem 1979 erschienenen "Wörterbuch der Methoden" zählt der Künstler 120 Collagetechniken auf. Zwei Tendenzen ziehen sich dabei durch sein gesamtes Werk: Einerseits kreisende, spiralhafte Bilder und Objekte in Kugel-, Ei- und Apfelform, andererseits die ständige Auseinandersetzung mit dynamischen Prozessen, Zeit und Bewegungsabläufen. Eine besondere Werkgruppe stellen die Objekte dar: Sie sind meist der Alltagswelt entnommen, Äpfel, Tröge, ein Schaukelpferd, ein Riesenlöffel und erhalten eine ganz andere Bedeutung. Sie sind wie mit einer Haut aus Buchstaben oder Partituren überzogen. Kein Objekt ist mehr das, was es scheint. Kein Objekt und kein Mythos erscheinen ihm unantastbar. Kunstgeschichtlich gesehen ist Jirí Kolár vom Surrealismus und Kubismus, aber auch von der konkreten Kunst der Nachkriegszeit beeinflußt. Duchamp kann man als geistigen Vater erkennen, auch Vasarely. Das serielle Moment ist in seinem Werk stark erkennbar. Auch neuen Richtungen, wie zum Beispiel der Computerkunst, hat er sich nicht versagt. "Es ging mit von Anfang an darum, zwischen bildender Kunst und Literatur eine Reibungsfläche zu finden", schrieb er. Reibungsflächen in seinem Leben gab es genug. Jirí Kolár gehörte zu den Künstlern, die es wagten, ihre Unterschrift unter die "Charta 77" zu setzen. Nach einem Studienaufenthalt in Berlin übersiedelt er nach Paris. In Prag wird er "wegen illegalen Aufenthalts im Ausland" verurteilt, sein Besitz eingezogen, die Rückkehr untersagt. Jirí Kolár faßte in Paris Fuß, das Centre Pompidou unterstützte ihn, er erhielt die französische Staatsbürgerschaft wird Initiator und Herausgeber der Publikationsreihe "Revue K" zur tschechischen Kunst in französischer Sprache. 1992 erhielt er die tschechische Staatsbürgerschaft zurück und wird offiziell rehabilitiert. Heute lebt er sehr zurückgezogen in Paris; Freunde wissen, daß sich der Exilant mit der fremden Sprache noch nicht angefreundet hat, wohl auch nicht mehr anfreunden wird. Wie viele Exilanten ist er irgendwie ein Fremder geblieben. Edith Rabenstein |