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Buchtipp vom 02.09.2009 |
Herfried Münkler »Die Deutschen und ihre Mythen«
Wer sind wir, wir Deutschen? Und was sind wir? Vielleicht Papst, wie die Bildzeitung posaunte? Oder doch 86 Millionen Mal „Du bist Deutschland“, womit die Bertelsmann-Kampagne 2005 den kollektiven Individualismus ausrief?
Für den Berliner Politikprofessor Herfried Münkler sind das nichts als Schlagzeilen, und als solche schnell vergänglich. In seinem Sachbuch „Die Deutschen und ihre Mythen“ macht er sich auf die Suche nach dem Selbstverständnis der Republik, allerdings: „Verglichen mit anderen europäischen Nachbarn ist die Bundesrepublik Deutschland eine weithin mythenfreie Zone“. Kein Sturm auf die Bastille lässt sich glorifizieren, keine Story vom Tellerwäscher zum Millionär von unbegrenzten Möglichkeiten schwärmen. Stattdessen geistern Begriffe wie „German Angst“ als Visitenkarte durch die Welt, Deutschland gilt als „schwieriges Vaterland“ und selbst die friedliche Wiedervereinigung ’89, die erste erfolgreiche deutsche Revolution, schaffte es nicht zum großen Familienroman der nationalen Identität. Spätestens seit Beginn der Wirtschaftskrise hat das teils hysterische Gezerre um die richtige Idee von sich selbst deutlich nachgelassen.
Münkler beantwortet die Frage, ob es einen Mythos brauche, mit einem klaren Jein, denn einerseits hat so eine „Großerzählung“ erst in fürchterliche Abgründe geführt: Das „Ewige Reich“ als die „narrative Verlockung“ der Nationalsozialisten. Andererseits sind Volkssagen notwendig, denn die erzählten Heldentaten von gestern schaffen Selbstgewissheit und kollektive Stärke. Und wer wollte gar an Zufall glauben, wenn der schneidige neue Wirtschaftsminister Erhard als seine aktuelle Lektüre benennt: Verbindet er doch demonstrativ seine Person mit dem auf westdeutscher Seite letzten, so Münkler, echten Mythos, dem „Wirtschaftswunder“ der 50er Jahre als Versprechen von Wohlstand für alle. Was aber passiert, wenn immer größere Teile der Bevölkerung sich von dieser „narrativen Grundlage der symbolischen Ordnung des Gemeinwesens“ ausgeschlossen fühlen? Welches Lied spielt denen dann welcher Rattenfänger?
Etwas weniger Darstellung der Geschichte und mehr Analyse hätte dem knapp 600-seitigen Werk gut getan: „Die Geschichte der Deutschen und ihre Mythen“ wäre der ehrlichere Titel gewesen. Dennoch ist es ein interessantes, ausdifferenziertes Werk , das auch die Mythen der DDR nicht ausblendet und die Geschichten erzählt, sie sich „Ossis“ und „Wessis“ bis heute über sich und die anderen erzählen. Ein kluges Lesebuch in Zeiten der Krise, bewahrt es doch davor, die Krise selbst zu überhöhen und zum Mythos zu erheben.
Christian Mentz ()
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