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Mit ihren 18 Jahren ist Mediatrice bereits eine erfahrene Hure. Mit zwölf verkaufte sie zum ersten Mal ihren Körper. "Weil mein Bruder und ich sonst verhungert wären", erzählt die junge Frau, die mit acht Jahren zur Vollwaise wurde. Bis zu seinem Tod vor einem Jahr kümmerte sich Mediatrice auch um ihren aidskranken Bruder. Sie selbst hat sich nie testen lassen − aus Angst davor, dass das Ergebnis bestätigt, was sie schon lange ahnt.  − Fotos: Fischl

Mit ihren 18 Jahren ist Mediatrice bereits eine erfahrene Hure. Mit zwölf verkaufte sie zum ersten Mal ihren Körper. "Weil mein Bruder und ich sonst verhungert wären", erzählt die junge Frau, die mit acht Jahren zur Vollwaise wurde. Bis zu seinem Tod vor einem Jahr kümmerte sich Mediatrice auch um ihren aidskranken Bruder. Sie selbst hat sich nie testen lassen − aus Angst davor, dass das Ergebnis bestätigt, was sie schon lange ahnt.  − Fotos: Fischl

Mit ihren 18 Jahren ist Mediatrice bereits eine erfahrene Hure. Mit zwölf verkaufte sie zum ersten Mal ihren Körper. "Weil mein Bruder und ich sonst verhungert wären", erzählt die junge Frau, die mit acht Jahren zur Vollwaise wurde. Bis zu seinem Tod vor einem Jahr kümmerte sich Mediatrice auch um ihren aidskranken Bruder. Sie selbst hat sich nie testen lassen − aus Angst davor, dass das Ergebnis bestätigt, was sie schon lange ahnt.  − Fotos: Fischl


Die Angst, dass ein HIV-Test ans Licht bringen könnte, was sie schon lange ahnt, ist übermächtig. Mediatrice (18) hat beide Eltern an Aids sterben sehen und ihren Bruder durch die Immunschwächekrankheit verloren. "Ich sterbe lieber, ohne es zu wissen", sagt die junge Frau. Dass sie mit dieser Haltung nicht nur ihr Leben gefährdet, sondern auch das ihrer Freier und deren Frauen, ist der Prostituierten egal. "Ich habe diesen verdammten Virus doch nicht gekauft. Mich hat auch irgendjemand einfach angesteckt." Aus dem hübschen Mädchen spricht eine verbitterte Frau, die bisher nur einstecken musste und gelernt hat, Krallen zu zeigen.

Acht Jahre war Mediatrice alt, da wurden sie und ihr Bruder zu Vollwaisen. Der Batwa-Clan, dem ihre Eltern angehörten, schleppte die Kinder mit. Doch so richtig verantwortlich fühlte sich niemand für das Mädchen und seinen kranken Bruder. Die Nomaden gehören zu den Ärmsten in der burundischen Gesellschaft. Wer hier nicht stark genug ist, bleibt auf der Strecke. Als Mediatrice zwölf Jahre alt war und merkte, dass sich Männer für sie plötzlich auf andere Weise interessieren als zuvor, kam sie auf die Idee, ihren Körper zu verkaufen. Sie wusste von einer anderen Frau ihres Stammes, die durch Prostitution ihre Familie ernähren konnte. "Mir hat keiner Arbeit gegeben, und mein Bruder war viel zu schwach. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wären wir verhungert", sagt sie halb selbstbewusst, halb entschuldigend.

Ohne die Hilfe von Mediatrice hätten Emmanueline (30), Fabrice (4) und die Zwillinge Angeline und Eliane (2) kein Dach über dem Kopf. "Dank Mediatrice leben meine Kinder noch", sagt die Nachbarin.

Ohne die Hilfe von Mediatrice hätten Emmanueline (30), Fabrice (4) und die Zwillinge Angeline und Eliane (2) kein Dach über dem Kopf. "Dank Mediatrice leben meine Kinder noch", sagt die Nachbarin.

Ohne die Hilfe von Mediatrice hätten Emmanueline (30), Fabrice (4) und die Zwillinge Angeline und Eliane (2) kein Dach über dem Kopf. "Dank Mediatrice leben meine Kinder noch", sagt die Nachbarin.


Gefallen fand sie nicht daran, die ersten Male kamen eher einer Vergewaltigung gleich, erzählt Mediatrice. Doch die Schmerzen, die sie aushielt, wurden entlohnt. Und so konnte sie wenigstens für sich und ihren Bruder Essen kaufen.

Mediatrices Revier sind die Straßen der Provinzhauptstadt Bururi. Mit den Jahren sammelte sie Erfahrungen. Sie sei eine gute Prostituierte, sagt Mediatrice. Die Männer wüssten, wo sie sie finden könnten. 1000 Burundi-Francs verlange sie normalerweise von einem Freier, das sind umgerechnet 60 Cent. Doch wenn sie Hunger habe, dann ließe sie sich auch schon mal auf 500 Burundi-Francs herunterhandeln. Ihre Kunden seien Ehemänner, Polizisten, Soldaten. KleineNarben erinnern an gewalttätige Freier Narben am Hals, am Dekolleté und im Gesicht zeigen, dass nicht jede Begegnung gewaltfrei verlaufen ist. "Das passiert, wenn ich mich weigere, bestimmte Dinge zu machen oder zu müde bin", sagt Mediatrice. Auch mit den Kondomen sei das so eine Sache − sie versuche zwar, darauf zu bestehen. Doch häufig gelinge ihr das nicht.

Bisher ist Mediatrice zumindest nicht schwanger geworden. "Ein Kind? Bloß nicht. Wie sollte ich denn ein Kind ernähren können?", wehrt sie ab. Deshalb passt die 18-Jährige auf. Jemand hat ihr ein Buch über den weiblichen Zyklus geschenkt. "In dem steht alles drin, wie ich mich verhalten muss", erzählt Mediatrice. Lesen und Schreiben habe sie in der Grundschule gelernt − in der Zeit, als ihre Eltern noch lebten und sie eine normale Kindheit hatte.

Für das Interview ist Mediatrice ins Provinzbüro von AMADE in Bururi gekommen. Hier hört sie zum ersten Mal, dass es Alternativen zu ihrem Job geben könnte. Sie hofft, dass ihr jemand hilft, ein anderes Leben aufzubauen. Mit 18 Jahren sei sie für burundische Verhältnisse im heiratsfähigen Alter. "Ich sollte bald einen Mann finden, sonst werde ich als alte Hure sterben", sagt Mediatrice.

Angebote habe sie durchaus, erzählt die junge Frau. Da gebe es drei Stammkunden, die sie alle heiraten möchten. Einer habe ihr sogar ein Haus in der Batwa-Siedlung gebaut, sagt sie. Aber alle drei seien arm und kämen aus einer anderen Gegend. Das mache ihr Angst, sagt Mediatrice und wirkt in diesem Moment wie eine eiskalt berechnende Geschäftsfrau. Eine, die auch noch völlig rücksichtslos mit der HIV-Gefahr umgeht.

Doch als sich das Mitgefühl in Wut und Unverständnis zu verwandeln droht, überrascht die 18-Jährige mit einer selbstlosen Geste. Das Haus habe der Freier nicht für sie gebaut. Mediatrice wollte ihrer verwitweten Nachbarin Emmanueline (30) helfen. Die dreifache Mutter steht seit dem Tod ihres Mannes alleine da. Die alte Bananenbaum-Hütte faulte über ihren Köpfen zusammen, es regnete hinein, die Kinder wurden krank. Nun leben Emmanueline, Fabrice (4) und die Zwillinge Angeline und Eliane (2) bei Mediatrice. Das neue Haus ist aus Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt. Es gibt eine Feuerstelle und einen großen Schlafplatz. Mediatrice hat sich nur einen winzigen Raum abgetrennt, in dem sie schläft. "Ich bin ihr so unendlich dankbar", sagt Emmanueline. "Meine Kinder hätten ohne Mediatrice nicht überlebt."

Ihre Barmherzigkeit beeindruckt auch die Mitarbeiter von AMADE. Als Vollwaise passe Mediatrice eigentlich in das Programm, beratschlagen die Helfer in Bururi. Möglichkeiten gebe es Ein HIV-Test als Bedingung für Hilfe auch für sie − eine professionelle Ausbildung wäre etwas oder ein Mikrokredit, damit sie sich ein kleines Geschäft aufbauen könne. Doch zuallererst müsse sie sich einem HIV-Test unterziehen. Das sei die Bedingung. Mediatrice blickt erschrocken drein. "Das muss ich mir erst überlegen", sagt sie leise. Am nächsten Morgen, als wir Bururi verlassen, sitzt Mediatrice auf der Bank vor dem AMADE-Büro und wartet darauf, dass sie an die Reihe kommt.  − Eva Fischl



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PNP-Weihanchtsaktion
Die barmherzige Prostituierte
Die Angst, dass ein HIV-Test ans Licht bringen könnte, was sie schon lange ahnt, ist übermächtig. Mediatrice (18) hat beide Eltern an Aids sterben sehen und ihren Bruder durch die Immunschwächekrankheit verloren. "Ich sterbe lieber, oh
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Die Autoren


Eva Fischl und Philipp Hedemann haben in Burundi recherchiert. Sie berichten über das Hilfsprojekt und die Schicksale von Kindern.